100 Jahre japanischer Fussballverband

Kapitänin Homare Sawa und ihre japanischen Mannschaftskameradinnen feiern ihren Sieg beim Finale der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft am 17. Juli 2011 in Frankfurt am Main, Deutschland. © Alexandra Beier/FIFA via Getty Images

2021 feiert der japanische Fussballverband sein 100-Jahr-Jubiläum und gilt im asiatischen Fussball als Gradmesser. Doch das war nicht immer so.

Zwei Ereignisse gaben den Anstoss zur Gründung des japanischen Fussballverbands (JFA). Da sind zum einen die Ostasienspiele, die nach dem Vorbild der Olympischen Spiele mit mehreren Sportarten ausgetragen wurden und 1917 in Tokio stattfanden. Nachdem der Fussball schon seit 1913 zum Programm gehörte, als in Manila zwischen den Philippinen und einer Chinesischen Auswahl erstmals in Asien ein Länderspiel ausgetragen wurde, gab Japan erst 1917 sein Debüt. Ohne Fussballverband im Rücken stand das Team aber auf verlorenem Posten und kassierte nach einem 0:5 gegen China am Tag darauf gegen die Philippinen sogar eine 2:15-Schlappe.

Sir Conyngham Greene (1854–1934), ca. 1910-1915. © George Grantham Bain Collection
Sir Conyngham Greene (1854–1934), ca. 1910-1915. © George Grantham Bain Collection - Anklicken zum Vergrössern

Ein Geschenk aus England
Den zweiten Anstoss lieferte ein Silberpokal, den der englische Fussballverband (FA) im März 1919 in London dem japanischen Volk schenkte. Der britische Diplomat William Haigh hatte die Idee dazu, als er mit dem damaligen britischen Botschafter in Japan, Sir William Conyngham Greene, die Besuche des japanischen Kronprinzen und späteren Kaisers Hirohito in England sowie des Prinzen von Wales und späteren Königs Edward VIII. in Japan organisierte. Das Geschenk sollte die Bande zwischen den beiden Ländern stärken.

Dummerweise gab es in Japan weder eine Fussballorganisation noch einen Wettbewerb, der sich für die Übergabe des Pokals anbot. Durch die Meiji-Restauration von 1868 waren viele alte soziale und kulturelle Strukturen weggefallen, während Japan versuchte, sich zu erneuern. Der Association Football sollte bei der Modernisierung helfen, musste dafür aber zuerst an Rückhalt gewinnen. Wie die FA in einem Begleitschreiben festhielt, sollte der Pokal deshalb an den Gewinner einer japanischen Landesmeisterschaft gehen. Dies war letztendlich der entscheidende Impuls für die Gründung eines Fussballverbandes, an dessen Reglement Haigh mitarbeitete.

Gründung der JFA
Die JFA wurde schliesslich am 10. September 1921 gegründet. Bereits zwei Monate später folgte mit dem „All Japan Championship Tournament“ der erste Wettbewerb. Während 40 Jahren fungierte dieses Turnier als nationale Meisterschaft, ehe es in „Kaiserpokal“ umbenannt und zum bis heute wichtigsten Pokalwettbewerb des Landes umfunktioniert wurde. Teams von Gymnasien und Universitäten drückten der Meisterschaft zu Beginn den Stempel auf und durften sich dafür mit dem von der FA gestifteten Pokal schmücken.

Ein schwedischer und ein japanischer Spieler kämpfen um den Ball beim Vorrundenspiel der Olympischen Sommerspiele 1936 zwischen Japan und Schweden. © Ullstein bild via Getty Images
Ein schwedischer und ein japanischer Spieler kämpfen um den Ball beim Vorrundenspiel der Olympischen Sommerspiele 1936 zwischen Japan und Schweden. © Ullstein bild via Getty Images - Anklicken zum Vergrössern

Da die JFA Länderspielen in seinen Anfangsjahren noch kaum Bedeutung beimass, beschränkten sich diese weitgehend auf grosse Sportveranstaltungen, allen voran auf die wiederkehrenden Ostasienspiele. 1936 folgte in Berlin das Olympiadebüt, wo gegen Schweden ein bemerkenswerter 3:2-Sieg gelang, ehe es im Viertelfinale gegen Italien eine 0:8-Pleite setzte. Japans Länderspiele vor 1951 wurden allerdings lange nicht als solche anerkannt, die vier Spiele vor der Gründung der JFA sind es noch immer nicht. So ist Japans erste dokumentierte Partie die 1:12-Niederlage gegen die Philippinen bei den Ostasienspielen 1923.

 

Sieben Spiele für die Ewigkeit (klicken zum Öffnen)

JAPAN 1-2 PHILIPPINEN

Fussballturnier der 6. Ostasienspiele
Municipal Sports Ground, Osaka
Mittwoch, 23.05.1923
Tor: Shimizu 5

JPN • Fukusaburo Harada - Usaburo Hidaka, Shizuo Miyama - Toshio Hirabayashi, Kiyoo Kanda, Sawago knot - Naoemon Shimizu, Kisaka Rikuzan, Takuzo Shimizu, Shiro Azumi, Yoshio Fujiwara.
Trainer: Mitsujiro Nishida
PHI • Unbekannt

Zwei Jahre nach der Gründung der JFA feierte Japan sein Länderspieldebüt, das jedoch erst 2007 offiziell anerkannt wurde. Die Niederlage bei der Feuertaufe 1923 war alles andere als eine Überraschung, da die Philippinen den asiatischen Fussball damals weitgehend dominierten und 1913 in Manila nicht umsonst Gastgeber der ersten Ostasienspiele und damit des ersten Länderspiels in Asien waren. Beim ersten Kräftemessen 1917 in Tokio hatten sie Japan zudem gleich mit 15:2 abgefertigt. Auch wenn die Aufzeichnungen zum offiziellen Debüt 1923 lückenhaft sind, ist Takuzo Shimizu als erster japanischer Torschütze verbürgt. Er traf in der Anfangsphase, ehe die Philippiner das Spiel drehten und schliesslich 2:1 gewannen.

JAPAN 3-2 SCHWEDEN

Ein schwedischer und ein japanischer Spieler kämpfen um den Ball beim Vorrundenspiel der Olympischen Sommerspiele 1936 zwischen Japan und Schweden. © Ullstein bild via Getty Images
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Fussballturnier der Olympischen Spiele 1936, Erste Runde
Hertha Platz, Berlin
Dienstag, 04.08.1936
5'000 Zuschauer
Schiedsrichter: Wilhelm Peters GER
Tore: Kawamoto 49, Ukon 62, Matsunaga 85; Persson (2) 24 37

JPN • Rihei Sano – Tadao Horie, Teizo Takeuchi (c) – Motoo Tatsuhara, Koichi Oita, Kim Yong Sik – Akira Matsunaga, Tokutaro Ukon, Taizo Kawamoto, Takeshi Kamo, Shogo Kamo.
Trainer: Shigeyoshi Suzuki
SWE • Sven Bergkvist – Otto Andersson, Erik Kallstrom – Victor Karlund, Arvid Emanuelsson, Torsten Johansson – Gustav Josefsson, Erik Persson, Sven Jonasson, Karl Erik Grahn, Ake Hallman.
Trainer: Gustaf Carlsson

Einiges besser lief es den Japanern 1936 in der ersten Runde des Olympischen Fussballturniers in Berlin, als sich die starken Schweden nach der 2:0-Führung zur Pause dank Treffern von Erik Persson bereits auf der Siegerstrasse wähnten. Bei einem der grössten Comebacks in der olympischen Geschichte spielten die flinken Japaner die Europäer in der zweiten Halbzeit schwindlig und fügten ihnen mit dem 3:2 eine der schmachvollsten Niederlagen seit langem zu, wie eine schwedische Zeitung danach titelte. Der japanische Spielführer Teizo Takeuchi, der bei der Eröffnungsfeier die Fahne der japanischen Delegation trug, reiste nach den Spielen durch Europa, um so viel wie möglich über den Fussball zu lernen.

MEXIKO 0-2 JAPAN

Kunishige Kamamoto aus Japan erzielt das erste Tor im Spiel um die Bronzemedaille zwischen Mexiko und Japan bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko City. © The Asahi Shimbun via Getty Images
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Fussballturnier der Olympischen Spiele 1968 in Mexiko City, Spiel um die Bronzemedaille.
Aztekenstadion, Mexiko City
Donnerstag, 24.10.1968
50'000 Zuschauer
Tore: Kamamoto (2) 20 40
Schiedsrichter: Abraham Klein (ISR)

MEX • Javier Vargas - Manuel Alejandrez, Javier Sanchez Galindo, Hector Sanabria, Mario Perez, Luis Regueiro, Luis Estrada (37' Bernardo Hernandez), Juan Ignacio Basaguren, Vicente Pereda, Cesareo Victorino (37' Elias Munoz), Albino Morales
JPN • Kenzo Yokoyama - Hiroshi Katayama, Yoshitada Yamaguchi, Mitsuo Kamata, Takaji Mori, Aritatsu Ogi, Teruki Miyamoto, Masashi Watanabe, Kunishige Kamamoto, Ikuo Matsumoto, Ryuichi Sugiyama.
Trainer: Ken Naganuma

Zur grossen Überraschung der meisten Beobachter zog Japan 1968 ins Halbfinale des Olympischen Fussballturniers in Mexiko City ein. Nach der ehrenvollen 0:5-Niederlage gegen ein übermächtiges ungarisches Team schlugen die Japaner im Spiel um Platz drei gegen Mexiko vor einem frenetischen Heimpublikum im Aztekenstadion eindrucksvoll zurück. Stürmer Kunishige Kamamoto, der vor der J.League-Ära zweifellos der Superstar des japanischen Fussballs war, packte einmal mehr sein ganzes Arsenal aus und sicherte Japan mit seinen Treffern sechs und sieben in der ersten Hälfte zum 2:0-Endstand die Bronzemedaille und sich selbst die Krone des Torschützenkönigs. In einer Zeit, in der der japanische Fussball oft darben musste, war dieser Triumph Balsam auf die geschundene Fussballseele.

JAPAN 3-2 IRAN

Japanische Spieler und Betreuer feiern nach dem 3:2-Sieg gegen den Iran die Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1998. © Etsuo Hara/Getty Images
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1998 FIFA Fussball-Weltmeisterschaft-Qualifikation, Play-off.
Larkin Stadion, Johor Bahru, Malaysia
Sonntag, 16.11.1997
22'000 Zuschauer
Tore: Nakayama 40, Jo 75, Okano 118; Azizi 46, Daei 58
Schiedsrichter: Manuel Diaz Vega ESP

JPN • Yoshikatsu Kawaguchi - Akira Narahashi, Naoki Soma, Masami Ihara (C), Yutaka Akita, Motohiro Yamaguchi, Hidetoshi Nakata, Hiroshi Nanami, Tsuyoshi Kitazawa (Masayuki Okano 91), Kazuyoshi Miura (Shoji Jo 63), Masashi Nakayama (Wagner Lopes 63).
Trainer Takeshi Okada
IRN • Ahmad Abedzadeh - Ali Akbar Ostad-Asadli (Mehrdad Minavand 55), Mohammad Khakpour, Mohammad Ali Peyravani, Ali Manrousian, Majid Namjou-Motlagh (Ali Ashgar Modir-Rosta 80), Javad Zarincheh (Mehdi Pashazadeh 65), Hamid Estili, Mehdi Mahdavikia, Ali Daei, Khodadad Azizi.
Trainer Valdir Vierra BRA

Heutzutage wäre eine WM ohne Japan eine ziemliche Sensation. Während das Nationalteam derzeit seine siebte WM-Qualifikation in Folge anpeilt, gab es aber Zeiten, wo die japanischen Fans von einem solchen Coup nur träumen konnten. Nach neun verpassten Qualifikationen zwischen 1954 und 1994 war es im Larkin-Stadion in der malaysischen Hafenstadt Johor Bahru unweit von Singapur endlich so weit. Dreh- und Angelpunkt in diesem dramatischen Spiel vor ungewöhnlicher Kulisse, das als „Ekstase von Johor Bahru“ in die Geschichte eingehen sollte, war Hidetoshi Nakata, der eine Minute nach einem Pfostenschuss des Iraners Mehdi Mahdavikia Mitspieler Masashi Nakayama mustergültig zur 1:0-Führung bediente. Und als die Japaner 15 Minuten vor Schluss 1:2 zurücklagen, zirkelte Nakata eine Flanke genau auf den Kopf von Shoji Jo, der zum Ausgleich traf. Nachdem auf Seiten der Iraner Ali Daei den Siegtreffer aus nächster Nähe verpasst hatte, fasste sich Nakata zwei Minuten vor dem Ende der Verlängerung ein Herz und zog mit voller Wucht ab. Torhüter Ahmed Abedzadeh liess den Ball nach vorne abprallen - genau auf Masayuki Okano, der sich nicht zweimal bitten liess und das Golden Goal erzielte. Es war schon weit nach Mitternacht, als die japanischen Fans Johor Bahru in Blau tauchten und bis in die Morgenstunden feierten. Endlich war Japans WM-Bann gebrochen.

JAPAN 1-0 RUSSLAND

Junichi Inamoto und Egor Titov kämpfen um den Ball im Spiel der Gruppe H zwischen Japan und Russland bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2002. © Imago/Allstar
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FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2002, Gruppe H
International Stadium, Yokohama
Sonntag, 9.06.2002
66'108 Zuschauer
Tor: Inamoto 51
Schiedsrichter: Markus Merk GER

JPN • Seigo Narazaki - Naoki Matsuda, Koji Nakata, Kazuyuki Toda, Tsuneyasu Miyamoto (c), Tomokazu Myojin, Junichi Inamoto (Takashi Fukunishi 85), Takayuki Suzuki (Masashi Nakayama 72), Atsushi Yanagisawa, Hidetoshi Nakata, Shinji Ono (Toshihiro Hattori 75).
Trainer: Philippe Troussier FRA
RUS • Ruslan Nigmatullin - Andrei Solomatin, Yuri Kovtun, Aleksei Smertin (Vladimir Beschastnikh 57), Viktor Onopko (c), Yuri Nikiforov, Valery Karpin, Marat Izmailov (Dmitri Khokhlov 52), Igor Semshov, Yegor Titov, Ruslan Pimenov (Dmitri Sychev 46).
Trainer: Oleg Romansev

2002 folgte der erste Sieg bei einer WM-Endrunde, mit dem für Japan ein Riesenstein vom Herzen fiel, da das Turnier erstmals überhaupt in Ländern stattfand, die bei einer Endrunde noch nie ein Spiel gewonnen hatten. Nach dem Sieg der Südkoreaner im Eröffnungsspiel gegen Polen und dem Unentschieden Japans zum Auftakt gegen Belgien kam gegen Russland auch für den zweiten Gastgeber die grosse Erlösung. Held des Tages war Junichi Inamoto, der zu Beginn der zweiten Halbzeit eine sehenswerte Stafette souverän abschloss. Atsushi Yanagisawa nahm eine Flanke von Koji Nakata von der linken Seite gekonnt an, liess die massierte russische Verteidigung ins Leere laufen und passte schliesslich zu Inamoto, der den Ball über den russischen Torhüter spielte. Ganz Japan war aus dem Häuschen, erst recht, nachdem der erlösende Schlusspfiff ertönte. Vor dem abschliessenden Gruppenspiel gegen Tunesien war die Angst, als erstes Heimteam bereits in der Gruppenphase zu scheitern, wie weggefegt – zu Recht, wie der 2:0-Triumph gegen die Afrikaner zeigen sollte. Im Achtelfinale gegen die Türkei war dann allerdings Schluss.

 

JAPAN 1-0 AUSTRALIEN

Japans Stürmer Tadanari Lee (links) trifft mit einem Volleyschuss in der 109. Minute der Verlängerung des Asien-Pokal-Finales gegen Australien in Doha am 29. Januar 2011. © Imago/Kyodo News
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2011 AFC Asian Cup Finale
Khalifa International Stadium, Doha
Samstag, 29.01.2011
37'174 Zuschauer
Tor: Lee 109
Schiedsrichter: Ravshan Irmatov UZB

JPN • Eiji Kawashima - Atsuto Uchida, Maya Yoshida, Yasuyuki Konno, Yuto Nagatomo, Yasuhito Endō, Makoto Hasebe (c), Keisuke Honda, Shinji Okazaki, Jungo Fujimoto, Ryoichi Maeda. (Masahiko Inoha 120) (Daiki Iwamasa 56) (Tadanari Lee 98).
Trainer: Albert Zaccheroni ITA
AUS • Mark Schwarzer - Luke Wilkshire, Lucas Neill (c), Sasa Ognenovski, David Carney - Brett Holman, Mile Jedinak, Carl Valeri, Matt McKay - Harry Kewell, Tim Cahill. (Brett Emerton 65) (Neil Kilkenny 109) (Robbie Kruse 103)
Trainer: Holger Osiek GER

2011 folgte ein weiterer Meilenstein. Die Japaner hatten drei der letzten fünf Ausgaben des Asien-Pokals gewonnen und damit mit Saudiarabien gleichgezogen. Im Khalifa-Stadion in Doha kürten sie sich mit ihrem vierten Titel zum alleinigen Rekordhalter. Im Finale schlugen sie die starken Australier, die nach ihrem Übertritt 2006 in die AFC mit einem weitgehend aus Spielern der englischen Premier League besetzten Kader ihren ersten Titel anstrebten. Beide Teams hatten in diesem abwechslungsreichen Spiel Chancen, ehe ein Tor in der zweiten Halbzeit der Verlängerung für die Entscheidung sorgte. Yasuhiko Endo passte entlang der linken Seitenlinie auf Yuto Nagatomo, der millimetergenau auf den ungedeckten Tadanari Lee im Strafraum flankte, der mit seiner brillanten Direktabnahme mit links Mark Schwarzer im australischen Tor keine Chance liess. Als alleiniger Rekordsieger des Turniers avancierte der einstige Aussenseiter Japan damit endgültig zum Gradmesser im asiatischen Fussball.

JAPAN 2-2 (3-1 n.E.) USA

Homare Sawa aus Japan erzielt den 2:2 Ausgleich während des Endspiels der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2011 zwischen Japan und den USA. © Lars Baron/FIFA via Getty Images
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FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2011, Finale
FIFA WM-Stadion, Frankfurt
Sonntag, 17.07.2011, 20:45
48’817 Zuschauer
Tore: Miyama 81, Sawa 117; Morgan 69, Wambach 104
Elfmeterschiessen: Boxx verschiesst, Miyama trifft, Lloyd verschiesst, Nagasato verschiesst, Heath verschiesst, Sakaguchi trifft, Wambach trifft, Kumagai trifft
Schiedsrichter: Bibiana Steinhaus GER

JPN • Ayumi Kaihori - Yukari Kinga, Azusa Iwashimizu•120+1, Saki Kumagai, Aya Sameshima - Shinobu Ohno (Karina Maruyama 66) (Mana Iwabuchi 119), Mizuho Sakaguchi, Homare Sawa (c), Aya Miyama - Kozue Ando (Yūki Nagasato 66), Nahomi Kawasumi.
Trainer: Norio Sasaki
USA • Hope Solo - Ali Krieger, Rachel Buehler, Christie Rampone (c), Amy LePeilbet - Heather O'Reilly, Carli Lloyd, Shannon Boxx, Megan Rapinoe (Tobin Heath 114) - Lauren Cheney (Alex Morgan 46), Abby Wambach.
Trainerin: Pia Sundhage SWE

2011 erlebte die Japanische Frauennationalmannschaft ihre Sternstunde, als sie im WM-Viertelfinale Gastgeber Deutschland ausschalteten und danach im Finale in Frankfurt mit dem Publikum im Rücken trotz zweimaligen Rückstands die USA niederrangen. Nachdem Abby Wambach und Alex Morgan nur die Latte bzw. den Pfosten getroffen hatten, schoss Morgan die USA 20 Minuten vor Schluss in Führung. Als bereits alles nach einem dritten WM-Titel für die USA aussah, nutzte Aya Miyama eine Unachtsamkeit in der gegnerischen Abwehr zum Ausgleich, womit das Spiel in die Verlängerung ging. Dort schienen die Asiatinnen am Ende ihrer Kräfte und mit dem Kopfballtor von Wambach gegen Ende der ersten Hälfte endgültig geschlagen zu sein. Doch drei Minuten vor Schluss rettete Homare Sawa Japan mit einem gekonnten Ablenker aus spitzem Winkel ins Elfmeterschiessen, das an Spannung ebenfalls nicht zu überbieten war. Nachdem mit Shannon Box und Tobin Heath zwei der ersten drei US-Schützinnen an Ayumi Kaihori gescheitert waren, sicherte Saki Kumagai Japan und ganz Asien erstmals den Weltmeistertitel.

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Unerwartet zu Olympiabronze
Während vieler Jahre galten die Asienspiele 1951 als Schauplatz des ersten japanischen Länderspiels. Das japanische Nationalteam etablierte sich rasch als regelmässiger Teilnehmer, hatte abgesehen von den Bronzemedaillen 1951 und 1966 aber kaum Erfolg. Erst mit der Umwandlung in ein U-23-Turnier im Jahr 2002 gelang erstmals der Einzug ins Finale, ehe 2010 der erste Titel folgte.

Japanische Spieler winken der Menge während der Medaillenverleihung des olympischen Turniers nach dem Gewinn der Bronzemedaille zu. FIFA-Präsident Stanley Rous (schwarzer Anzug) schreitet mit nicht identifizierten Offiziellen vorbei. © Kishimoto/FIFA Muse
Japanische Spieler winken der Menge während der Medaillenverleihung des olympischen Turniers nach dem Gewinn der Bronzemedaille zu. FIFA-Präsident Stanley Rous (schwarzer Anzug) schreitet mit nicht identifizierten Offiziellen vorbei. © Kishimoto/FIFA Museum - Anklicken zum Vergrössern

Umso überraschender war der Gewinn der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-Stadt gegen starke Konkurrenz, auch wenn die Profis aus Südamerika und Europa fehlten. Nach dem Auftaktsieg gegen Nigeria sowie zwei Unentschieden gegen Brasilien und Spanien folgte im Viertelfinale ein 3:1-Sieg gegen Frankreich, ehe der spätere Turniersieger Ungarn dem japanischen Höhenflug im Halbfinale ein Ende setzte. Gegen Gastgeber Mexiko sicherten sich die Japaner schliesslich Bronze, nachdem Starstürmer Kunishige Kamamoto zwei weitere Tore verbucht und gleichzeitig die Torjägerkrone gewonnen hatte.

1954 nahm Japan erstmals an einer WM-Qualifikation teil, scheiterte aber in seinen beiden Spielen gegen Südkorea. Nach weiteren acht erfolglosen Anläufen qualifizierte sich Japans schliesslich im malaysischen Johor Bahru erstmals für eine WM-Endrunde und verpasste nach dem Debüt 1998 in Frankreich kein Turnier mehr. Auch beim Asien-Pokal taten sich die Japaner lange schwer und nahmen bei den ersten acht Ausgaben nur zweimal an der Qualifikation teil (1968 und 1976), in der sie beide Male scheiterten. Erst 1988 qualifizierten sie sich erstmals für die Endrunde, wo sie mit nur einem Punkt jedoch Gruppenletzter wurden.

Der ehemalige uruguayische Nationalspieler und FIFA Museumsbotschafter Diego Forlán war einer der vielen internationalen Spieler, die in der J.League aktiv waren. Er spielte von 2014 bis 2015 für Cerezo Osaka. © Imago/Kyodo News
Der ehemalige uruguayische Nationalspieler und FIFA Museumsbotschafter Diego Forlán war einer der vielen internationalen Spieler, die in der J.League aktiv waren. Er spielte von 2014 bis 2015 für Cerezo Osaka. © Imago/Kyodo News - Anklicken zum Vergrössern

J.League-Ära
Anfang der 1990er-Jahre kam schliesslich die Wende - nicht nur für das Nationalteam, sondern für den gesamten japanischen Fussball. Nachdem die japanischen Klubs seit der Einführung der Japan Soccer League 1965 um die Werksteams der führenden japanischen Grosskonzerne herum organisiert waren, kam es zu einer radikalen Reform der Fussballstrukturen, mit der auch eine Professionalisierung einherging. Die viel gepriesene, 1993 lancierte J.League war das Schaufenster des neuen japanischen Fussballmodells, das auch dem Nationalteam endlich zum Durchbruch verhalf. So krönte sich Japan beim Asien-Pokal 1992 vor eigenem Publikum dank Siegen gegen Iran, China und Saudiarabien erstmals zum Asienmeister und legte damit den Grundstein für eine beispiellose Erfolgsserie.

Japans Bewerbungsunterlagen für die Weltmeisterschaft 2002. © FIFA Museum
Japans Bewerbungsunterlagen für die Weltmeisterschaft 2002. © FIFA Museum - Anklicken zum Vergrössern

Sechs WM-Teilnahmen in Folge nach dem „Alptraum von Doha“, als die Japaner gegen Irak in der Nachspielzeit den Ausgleich hinnehmen mussten und damit die Qualifikation für die WM-Endrunde 1994 knapp verpassten, sowie drei weitere Titel beim Asien-Pokal lautet die eindrucksvolle Bilanz. Ihren vierten Titel im Jahr 2011 – der sie zum Rekordsieger machte – gewannen die Japaner nur 19 Jahre nach ihrem ersten Titel, ein Beweis für ihre aussergewöhnlichen Fortschritte während der J.League-Ära.

Ein weiteres wichtiges Puzzlestück war Japans Bewerbung für die WM 2002, die mit dem Originaldossier, das die JFA einst bei der FIFA eingereicht hatte, auch in der Sammlung des FIFA Museums verewigt ist. Letztendlich wurde die erste WM in Asien von Japan und Südkorea gemeinsam veranstaltet. Beim Heimturnier gelang den Japanern gegen Russland in Yokohoma schliesslich auch der erste WM-Sieg. Bis zum ersten WM-Sieg ausserhalb Japans sollte es allerdings nochmals acht Jahre dauern. Dank einem 1:0-Triumph gegen Kamerun in Südafrika war 2010 schliesslich auch dieser Bann gebrochen. Grösster WM-Erfolg war bislang der Einzug ins Achtelfinale (2002, 2010 und 2018) - zumindest bei den Männern.

Japans Homare Sawa jubelt nach dem zweiten Tor ihrer Mannschaft während des Endspiels der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2011 zwischen Japan und den USA. © Lars Baron/FIFA via Getty Images
Japans Homare Sawa jubelt nach dem zweiten Tor ihrer Mannschaft während des Endspiels der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2011 zwischen Japan und den USA. © Lars Baron/FIFA via Getty Images - Anklicken zum Vergrössern

Weltmeisterinnen
Japans Frauen haben es schon bis ganz nach oben geschafft und als eine von nur vier Nationen die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ gewonnen – 2011 in Frankfurt (Deutschland), als sie im Finale die USA im Elfmeterschiessen bezwangen. Das Team, auch Nadeshiko genannt, feierte 1981 gegen Dänemark ihr internationales Debüt und spielt seit 1986 regelmässig. Seit der Premiere der Frauen-Weltmeisterschaft 1991 war sie bei jeder Endrunde dabei und erreichte 2015 ein weiteres Mal das Finale. Weniger Glück hatte sie bislang bei Olympia. Bei den Spielen 2020 in Tokio war bereits im Viertelfinale Schluss. Grösster Erfolg war bislang die Silbermedaille bei den Spielen 2012 in London nach der 1:2-Finalniederlage gegen die USA.

(V.l.n.r.) H.E. Mr Keiichi Hayashi, Sir Bobby Charlton, Junji Ogura (Präsident JFA) und David Bernstein (FA Chairman) während der Feier zum 90-jährigen Jubiläum der JFA am 23. August 2011 im Londoner Wembley Stadion mit der Nachbildung des Pokals von 1919
(V.l.n.r.) H.E. Mr Keiichi Hayashi, Sir Bobby Charlton, Junji Ogura (Präsident JFA) und David Bernstein (FA Chairman) während der Feier zum 90-jährigen Jubiläum der JFA am 23. August 2011 im Londoner Wembley Stadion mit der Nachbildung des Pokals von 1919. © Jan Kruger/The FA via Getty Images - Anklicken zum Vergrössern

100 Jahre nach der Gründung des JFA hat sich der japanische Fussball also sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen international etabliert. Werfen wir aber nochmals einen Blick zurück zum Silberpokal, den die FA dem japanischen Volk vor 100 Jahren geschenkt hat. Der Pokal, der jeweils an den nationalen Meister ging, fiel leider dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer und wurde durch eine Trophäe ersetzt, die das Kaiserhaus zu Ehren der Umbenennung des Wettbewerbs 1946 in Kaiserpokal gestiftet hatte.

Der ursprüngliche Silberpokal war von der Regierung beschlagnahmt und zur Aufbesserung der Kriegskasse eingeschmolzen worden. Anlässlich des 90-Jahr-Jubiläums der JFA gab die FA beim Künstler Thomas Lyte eine exakte Nachbildung in Auftrag, die der JFA bei einer feierlichen Zeremonie im Wembley-Stadion überreicht wurde und die nun im JFA-Fussballmuseum ausgestellt ist.