103 Jahre und 61 Kongresse später

Jeden Monat präsentiert das Team des Museums ein Objekt aus dem FIFA-Archiv. Diesmal widmen wir uns einem der ältesten Bilder, die je bei einem FIFA-Kongress aufgenommen wurden - es stammt aus dem Jahr 1913.

Das sind also die Vorgänger der Delegierten des ausserordentlichen FIFA-Kongresses 2016?

Genau. Dieses Foto entstand 1913 in Kopenhagen und ist eine der ältesten erhaltenen Aufnahmen von einem FIFA-Kongress überhaupt. Der bärtige Gentleman, der links neben dem Geländer auf der zweituntersten Stufe sitzt, ist der damalige FIFA-Präsident Dan Woolfall. Der neue Präsident, der 103 Jahre später vom ausserordentlichen Kongress in Zürich gewählt wird, wird erst der siebte seit Woolfall und insgesamt erst der neunte in der Geschichte der FIFA sein.

Dem Bild nach zu urteilen, war der Kongress schon damals eine ziemlich grosse Veranstaltung...

Der Eindruck täuscht ein wenig. Zwar drängen sich 65 Personen auf dem Foto, doch nur 23 davon waren nationale Delegierte - wer die anderen sind, wissen wir leider nicht.

Wie international war der Weltfussballverband anno 1913?

Nicht allzu sehr. Beim Kopenhagener Kongress waren nur gerade zwölf Länder vertreten - mit Ausnahme Russlands alle aus West- und Mitteleuropa. Allerdings nahmen auch nicht sämtliche der damals 20 FIFA-Mitglieder teil. So hatten Argentinien und Südafrika - die beiden einzigen nicht europäischen Verbände - etwa keine Lust, für ein zweitägiges Treffen eine lange Schiffsreise zu unternehmen.

Das klingt nicht so, als ob die FIFA damals schon eine bedeutende Rolle gespielt hätte...

Das tat sie aber durchaus. Die FIFA-Familie wurde von Jahr zu Jahr grösser, und auch in Kopenhagen stand die Aufnahme von vier neuen Mitgliedern (Kanada, Chile, Spanien und USA) zur Debatte. Zudem hatten die vier britischen Verbände die FIFA eingeladen, dem International Football Association Board (IFAB) beizutreten - ein Meilenstein der Fussballgeschichte.

Inwiefern?


Weil der IFAB über die Spielregeln wachte. 1913 war der englische Fussballverband (FA) bereits 50, die FIFA hingegen erst neun Jahre alt. Der FA legte 1863 bei seiner Gründung die Spielregeln fest und teilte ab 1886 die Kontrolle über die Regeln mit Irland, Schottland und Wales. 1913 kamen die Briten zur Überzeugung, dass die FIFA in Zukunft ein wichtiger Partner sein würde, und beschlossen, sie mit an Bord zu holen.

Wie ging es weiter?


Der Kopenhagener Kongress wählte für die IFAB-Sitzung zwei Wochen später im irischen Portrush zwei FIFA-Delegierte: Baron de Laveleye aus Belgien (auf dem Bild neben Woolfall, auf der anderen Seite des Geländers) und den Niederländer C. A. W. Hirschman (direkt hinter Woolfall).

Wer waren die beiden?

De Laveleye und Hirschman waren in der Anfangszeit der FIFA zentrale Figuren. De Laveleye war Eisläufer, Schwimmer, Reiter, Tennisspieler und Ringer und massgeblich am Beitritt Englands zur FIFA im Jahr 1905 beteiligt. Hirschman war ebenfalls ein leidenschaftlicher Sportler und Fussballer, der auch gegen Mannschaften aus anderen Ländern spielen wollte. Daher kam er auf die Idee, einen internationalen Verband zu gründen, und schlug gleich noch eine Fussball-Weltmeisterschaft vor.

Zeigt das Bild weitere berühmte Persönlichkeiten?


Wie Hirschman und de Laveleye waren die meisten Fussballfunktionäre dieser Ära ursprünglich Spieler, die ihren Sport organisatorisch voranbringen wollten. Der Dritte von links in der hintersten Reihe zum Beispiel ist der junge Österreicher Hugo Meisl, der später internationaler Schiedsrichter und einer der herausragenden Trainer der ersten Hälfte des Jahrhunderts werden sollte; und der stattliche Herr im hellen Anzug (Fünfter von rechts ganz oben) ist Ludwig Sylow, der erste dänische Fussballstar…

…der hier aber nicht gerade einen durchtrainierten Eindruck macht!

Nun, seine Glanzzeit als Spieler in den 1880er-Jahren lag schon eine Weile zurück. Übrigens war er neben Hirschman der einzige der sieben Männer, die 1904 die FIFA gegründet hatten und der 1913 immer noch für den Weltfussballverband tätig war. Ebenfalls auf dem Foto zu sehen ist Henri Delaunay (Dritter von links in der drittobersten Reihe).

Wodurch machte er sich einen Namen?

Delaunay war bis zu seinem Tod 1955 einer der aktivsten Fussballfunktionäre überhaupt. Mit der Weltmeisterschaft, dem Europapokal der Landesmeister (Vorläufer der UEFA Champions League) und der Europameisterschaft gehen gleich drei der prestigeträchtigsten Wettbewerbe im Weltfussball auf seine Ideen und Initiativen zurück. Zu seinen Ehren trägt der EM-Pokal noch heute seinen Namen.

Ein beeindruckender Leistungsausweis!

Und das ist noch nicht alles: Neben seiner Tätigkeit für die FIFA war er lange Jahre Generalsekretär des französischen Fussballverbands, half 1954 mit, die UEFA zu gründen, und wurde deren erster Generalsekretär.

Wow, und wen gilt es noch zu erwähnen?

Vier Positionen links neben Sylow steht Johnny Lewis, der 1875 zusammen mit einem Freund die Blackburn Rovers gründete und auch in deren erstem Spiel auflief. Später wurde er Funktionär und Schiedsrichter und leitete beim Olympischen Fussballturnier 1920 das Endspiel. Allerdings war er zu diesem Zeitpunkt bereits 65-jährig und der Aufgabe nicht mehr gewachsen - fanden zumindest die Tschechoslowaken, die nach einigen strittigen Entscheidungen geschlossen das Spielfeld verliessen. Lewis war gezwungen, die Partie abzubrechen und zugunsten der Belgier zu werten - das einzige Mal, dass das Finale eines grossen internationalen Turniers auf diese Weise endete.

Als das Foto geschossen wurde, war die Welt für Lewis aber noch in Ordnung...

Absolut - wie auch für seine Kollegen, die vor dem historischen Langelinie Pavillonen eifrig um die Wette lächeln. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs sollte es jedoch nur noch 13 Monate dauern, und auch in der Fussballfamilie machten sich Spannungen breit.

Wie äusserte sich dies?


Da war zum Beispiel der Deutsche Robert Hefner (direkt vor Delaunay sitzend), der aus seiner Abneigung gegenüber den Briten keinen Hehl machte und den Antrag stellte, "der F. I. F. A. die uneingeschränkte Kontrolle über den internationalen Fussball" zuzusprechen - womit er indirekt für die Abschaffung des IFAB plädierte.

Wie viele Delegierte unterstützten seine Forderung?

Kein einziger. Delaunay bezeichnete Hefners Antrag als "unangebracht", und Meisl betonte, er würde "sogar wenn England von sich aus dem Verband vorschlagen würde, eigene Spielregeln aufzustellen, ein solches Angebot nicht annehmen". Hirschman und de Laveleye legten daraufhin einen Antrag vor, dem zufolge "der Kongress von Kopenhagen den International Football Association Board als allein verantwortliches Gremium für die Spielregeln anerkennt" - was einstimmig angenommen wurde und bis heute gilt.