Als "Les Bleus" in Grün-Weiss überraschten

Die Vorstellung, dass Nationalteams bei einer Weltmeisterschaft Klubtrikots tragen, scheint absurd. Sie ist aber lange nicht so abwegig, wie man denkt. Wegen eines Missverständnisses mussten die Franzosen 1978 auf die gestreiften Hemden eines lokalen Vereins ausweichen - und waren damit in der Geschichte des grössten Fussballturniers der Welt nicht die Einzigen.

1978 war das Schwarz-Weiss-Fernsehen noch immer stark verbreitet. Dunkle Farben waren darin kaum zu unterscheiden. Als in einem WM-Spiel im argentinischen Mar del Plata das Blau der Franzosen auf das Rot der Ungarn traf, musste eine Mannschaft daher die Farbe wechseln.

Diese Mannschaft war eigentlich Frankreich, doch wegen eines Irrtums des Teammanagers liefen schliesslich beide Teams mit weissen Trikots auf. Die Franzosen mussten einen Ersatz beschaffen, der 40 Minuten nach dem geplanten Spielbeginn endlich eintraf. Fündig waren sie beim lokalen Verein Kimberley geworden, der noch heute in grün-weiss gestreiften Hemden spielt.

Beide Teams waren zu diesem Zeitpunkt bereits ausgeschieden, boten aber dennoch ein unterhaltsames Spiel und schrieben Fussballgeschichte. Die Franzosen waren zwar nicht die Ersten, die bei einer WM in den Farben eines Klubs spielten, aber die Ersten, die darin gewannen.

Bei der Weltmeisterschaft 1934 in Italien spielten sowohl Österreich als auch Deutschland in Weiss. Vor dem Spiel um Platz drei in Neapel verloren die Österreicher den Münzwurf und mussten deshalb die Farbe wechseln. Aber wie die Franzosen 1978 hatten auch sie keine Reserveausrüstung dabei und mussten deshalb in den blauen Trikot von Napoli - kombiniert mit ihren schwarzen Hosen und Stutzen - spielen. Schon nach 24 Sekunden kassierte das österreichische Wunderteam das 0:1 und verlor schliesslich mit 2:3.

Einen ähnlichen Fall gab es 1950 bei der WM in Brasilien, als Mexiko und die Schweiz - beide bereits ausgeschieden - in Porto Alegre zu ihrem letzten Gruppenspiel antraten. Selbst im Farb-Fernsehen wären die burgunderfarbenen Trikots der Mexikaner kaum vom Rot der Schweizer zu unterscheiden gewesen. So kamen erstmals gestreifte Oberteile zum Einsatz, die den Mexikanern allerdings kein Glück brachten. Im Blau-Weiss des Porto-Alegre-Klubs Cruzeiro verloren sie 1:2.

Bei der WM 1958 in Schweden war es genau umgekehrt: Gestreifte wurden durch einfarbige Hemden ersetzt. Bei ihrem ersten WM-Auftritt nach 24 Jahren mussten die Argentinier auf die geschichtsträchtigen gelben Hemden des IFK Malmö ausweichen, die sie anfänglich zu beflügeln schienen. Trotz früher Führung verloren sie gegen den amtierenden Weltmeister BR Deutschland aber schliesslich mit 1:3.

Nach Frankreich 1978 spielte bei einer WM nochmals eine Mannschaft in den Farben eines Klubs - aber diesmal mit Absicht. 1990 in Italien feierte Costa Rica in den traditionellen roten Hemden beim 1:0 gegen Schottland seinen ersten Sieg bei einer Endrunde. Für die beiden nächsten Spiele liefen die Mittelamerikaner aber plötzlich in schwarz-weiss gestreiften Trikots auf, die Libertad, dem ältesten Verein des Landes gehörten, der kurz zuvor aufgelöst worden war.

Schwarz-Weiss waren auch die Farben von Juventus aus Turin, wo die Costa Ricaner ihr zweites Spiel bestritten. Sie unterlagen dort zwar knapp Brasilien, bezwangen danach aber Schweden 2:1 und zogen so in die nächste Runde ein, wo sie wieder zum angestammten Rot wechselten. Das hätten sie vielleicht besser bleiben lassen, denn gegen die Tschechoslowakei verloren sie 1:4.

Auch die deutsche Nationalmannschaft trug bei einer WM bereits Hemden, die sehr an das Outfit eines Klubs erinnerten. Bei der jüngsten Endrunde in Brasilien zierten die Farben Schwarz und Rot in Querstreifen das Auswärtstrikot der DFB-Auswahl. Nicht wenige Fans dachten beim Anblick der Jerseys direkt an die ähnlich aussehenden Hemden des in Rio de Janeiro ansässigen und äussert beliebten Traditionsvereins Flamengo.

Dass die Deutschen am Ende ausgerechnet am Zuckerhut ihren vierten WM-Titel gewinnen konnten, sorgte bei dieser Geschichte für zusätzlichen Charme. Allzu gerne werden sich die Brasilianer an das schwarz-rote Auswärtstrikot Deutschlands aber dennoch nicht erinnern, denn es war ausgerechnet jenes, das Joachim Löws Ensemble beim 7:1-Halbfinalsieg gegen die Seleção trug.

Das Kimberley-Trikot im FIFA Welt Fussball Museum stammt aber von einem Sieger. Linksverteidiger François Bracci war einer von vier Spielern, die bei den bereits ausgeschiedenen Franzosen in die Startaufstellung rückten. Für sie alle sollte der 3:1-Sieg ihres Teams das einzige WM-Spiel bleiben.

Nach spektakulären Toren aus Distanzschüssen des französischen Verteidigers Christian Lopez und des Ungarn Sándor Zombori blieb die zweite Halbzeit torlos, obwohl Frankreich einen gewissen Michel Platini ins Spiel brachte. Bracci war später lange Trainer, insbesondere in Nordafrika - so auch beim marokkanischen Verein Olympique Khouribga, der in grün-weiss gestreiften Hemden spielt.