Der Geist von Spiez

Die westdeutsche Nationalelf nach dem Sieg im Finale der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 954 in der Schweiz. © Sport Archive/FIFA Museum
Die westdeutsche Nationalelf nach dem Sieg im Finale der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 954 in der Schweiz. © Sport Archive/FIFA Museum

Neun Jahre nach seinem Ende hatte die Bundesrepublik Deutschland immer noch mit den Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs zu kämpfen. Dann halfen elf Männer auf einem Fussballplatz, die nationale Stimmungslage zu ändern.

Eines der ungewöhnlichsten Objekte, die wir in der Sammlung des FIFA World Football Museum haben, ist ein Stuhl. Es ist die Art von Stuhl, die man in unzähligen Häusern auf der ganzen Welt finden kann. Er ist kein Chippendale oder aus der Werkstatt eines anderen berühmten Designers, aber er hat seinen ganz eigenen Wert, denn er hilft, die Geschichte zu erzählen, wie Westdeutschland wieder in die internationale Gemeinschaft aufgenommen wurde.

Der Stuhl aus dem Hotel Belvédère in Spiez, klassisch im Barockstil, aus Holz gefertigt und mit Stoff gepolstert. | 102cm x 52cm x 50cm | © FIFA Museum
Der Stuhl aus dem Hotel Belvédère in Spiez, klassisch im Barockstil, aus Holz gefertigt und mit Stoff gepolstert. | 102cm x 52cm x 50cm | © FIFA Museum (Klicken zum Vergrössern)

1954 lagen noch grosse Teile Westdeutschlands in Trümmern. Das Wirtschaftswunder, das das Land verändern sollte, hatte noch nicht stattgefunden. Bei der FIFA WM 1954 in der Schweiz logierte die westdeutsche Mannschaft im Hotel Belvédère in Spiez, das idyllisch am Südufer des Thunersees liegt. Hier schmiedete Trainer Sepp Herberger unter den 22 Spielern einen legendären Teamgeist, der einen grossen Anteil daran hatte, dass die Deutschen zum unwahrscheinlichsten Sieger in der Geschichte der Weltmeisterschaft wurden. "Das Wunder von Bern" wurde nicht zuletzt durch "Den Geist von Spiez" begünstigt. Der Stuhl in unserer Sammlung stammt aus dem Hotel Belvédère aus der Zeit, als die Westdeutschen bei der WM 1954 dort wohnten.

Es ist leicht, die Bedeutung des Sieges der Bundesrepublik Deutschland bei der Weltmeisterschaft 1954 zu unterschätzen. Immerhin sind danach drei weitere Triumphe gefolgt, jeder mit seiner eigenen besonderen Bedeutung. Für Franz Beckenbauer, Kapitän des Weltmeisterteams von 1974 und Trainer der Weltmeister von 1990, war der Titelgewinn 1954 jedoch der wichtigste in der Geschichte des deutschen Fussballs.

Zu diesem Zeitpunkt war das Land nicht nur in weiten Teilen immer noch zerstört, sondern auch aufgrund allem, was passiert war, international nicht beachtet. Zurecht, wie Beckenbauer in einem Interview sagte. Man sei bemüht gewesen das Land wiederaufzubauen und mitten in diese Bemühungen sei dieser grandiose Sieg zustande gekommen und habe dem Land und der Bevölkerung wieder Anerkennung verschafft und das Gefühl, wieder mit dabei zu sein.

Trainer Sepp Herberger ( auf dem Ball sitzend) und die deutsche Mannschaft machen eine Trainingspause in Spiez im Juli 1954. © Ullstein bild via Getty Images
Trainer Sepp Herberger ( auf dem Ball sitzend) und die deutsche Mannschaft machen eine Trainingspause in Spiez im Juli 1954. © Ullstein bild via Getty Images (Klicken zum Vergrössern)

Herberger hatte das Hotel Belvédère als Unterkunft ausgewählt, weil es der Mannschaft die Privatsphäre und die Ruhe bot, die er wollte. Hier konnte er die Spieler einzeln zur Seite nehmen und sowohl an psychologischen als auch taktischen Aspekten des Spiels arbeiten. Er baute eine enge Bindung zwischen den Spielern auf, die ihnen während des Turniers sehr zugute kommen sollte. Herberger war Cheftrainer, seit er 1936 die Nachfolge von Otto Nerz angetreten hatte. Allerdings war Deutschland 1945 aus dem internationalen Fussball verbannt und von der Weltmeisterschaft 1950 ausgeschlossen worden. So wie das Land wiederaufgebaut werden musste, so musste auch die Nationalmannschaft wiederaufgebaut werden.

1950 kehrte Westdeutschland nach achtjähriger Abstinenz mit einem Spiel gegen die Schweiz vor der Rekordkulisse von 103.000 Zuschauern in Stuttgart in den internationalen Fussball zurück. Der 1:0-Sieg war der Beginn einer dreieinhalbjährigen Reise, die bis zur Weltmeisterschaft in der Schweiz führte. In dieser Zeit hatte Herberger nur 19 Spiele Zeit, um eine Mannschaft aufzubauen, die in der Lage war, das Turnier zu gewinnen. Er nutzte die grosse Unterstützung und Begeisterung der Öffentlichkeit, um diesen Aufbauprozess zu unterstützen. Als Trainer, für den der Charakter genauso wichtig war wie die technischen Fähigkeiten, glaubte er immer an das Kollektiv. "Elf Freunde müsst ihr sein", sagt er, und er setzte gezielt auf Spieler des 1.FC Kaiserslautern, um den Kern der Mannschaft zu bilden.

Begeisterter Empfang für die deutschen Weltmeister am Bahnhof in Singen einen Tag nach dem Finale. Aus dem Zugfenster heraus von links: Karl Mai, Josef Posipal und Horst Eckel. © Ullstein bild via Getty Images
Begeisterter Empfang für die deutschen Weltmeister am Bahnhof in Singen einen Tag nach dem Finale. Aus dem Zugfenster heraus von links: Karl Mai, Josef Posipal und Horst Eckel. © Ullstein bild via Getty Images (Klicken zum Vergrössern)

Herberger ging akribisch vor - immer mit einem Notizbuch in der Hand - und es war im Hotel Belvédère, wo sich seine Philosophie zum " Geist von Spiez" entwickelte. Sie war nicht nur für den Aufbau der Mannschaft von zentraler Bedeutung, sondern auch für die Bewältigung der Enttäuschungen, die sie erlebte, vor allem nach der 3:8-Niederlage gegen Ungarn in der ersten Runde. Fritz Walter, der Kapitän, war dafür bekannt, dass er nach einer Niederlage sehr verzagt war. Deshalb brachte Herberger ihn im Hotel auch nicht zusammen mit seinem Bruder Ottmar in einem Zimmer unter, sondern mit dem fröhlichen Helmut Rahn. "Helmut, bauen Sie mir den Fritz auf", wird Herberger auch zitiert. Das war im Wesentlichen die Essenz des Geistes von Spiez.

Niemand weiss, wer von der westdeutschen Mannschaft auf dem Stuhl sass, den wir in unserer Kollektion haben. Aber er zeugt von einer der aussergewöhnlichsten Geschichten, die es je bei Weltmeisterschaften gegeben hat und die im 3:2-Sieg der Mannschaft gegen die scheinbar unschlagbaren Ungarn im Finale in Bern gipfelte. Abgeschirmt von Presse und Familie im Hotel während des Turniers in der Schweiz, waren die Spieler regelrecht geschockt von dem stürmischen Empfang, den sie auf ihrer triumphalen Rückreise mit dem Zug nach Deutschland erhielten. An jeder Station wurden sie von einer riesigen Menschenmenge empfangen, die ihnen alles Gute wünschte und sie mit Geschenken überschüttete. Die Parade in München soll vor "Hunderttausenden" stattgefunden haben. "Das Wunder von Bern", nicht zuletzt möglich gemacht durch den "Geist von Spiez". Zwei Namen, die für immer in der Folklore des deutschen Fussballs und in der Kulturgeschichte Deutschlands selbst verankert sind.