Der Pokal wird gestohlen!

Am Sonntag, 20. März 2016, ist es genau 50 Jahre her, als der Jules-Rimet-Pokal zum ersten Mal gestohlen wurde. Damals wurde die wertvolle Trophäe als Teil einer Briefmarken-Ausstellung im Zentrum Londons präsentiert.

Vier Polizisten waren eigentlich dafür vorgesehen, den Pokal zu beschützen, als er zwischen 11 und 12 Uhr entwendet wurde. Türen wurden aufgebrochen, die Glasvitrine eingeschlagen – und der höchste Preis im Fussball war plötzlich verschwunden.

Sieben Tage später tauchte die Trophäe plötzlich wieder auf. Eingewickelt in Zeitungspapier, fand sie ein Hund namens "Pickles" an einer Auffahrt im Süden Londons.

Auch 50 Jahre später bleiben der Diebstahl und das Wiederauftauchen des Jules-Rimet-Pokals mysteriös. Es ist durchaus möglich, dass wir niemals erfahren werden, was genau passierte und wer beteiligt war.

Der Fussball gilt als ein Spiel voller Leidenschaft, und da der Dieb (oder die Diebe) bei der Ausstellung unzählige Briefmarken, deren Wert auf drei Millionen Pfund geschätzt wird, links liegen liess(en), um einen materiell weniger wertvollen Pokal zu stehlen, kann man zu der Annahme kommen, dass auch der Diebstahl zu einem gewissen Grad aus Leidenschaft begangen wurde.

Hier eine Chronik der uns bekannten Geschehnisse:

[STANDALONETEXT text="9:30 Uhr, Freitag, 18. März 1966"

Der Jules-Rimet-Pokal wird im Hauptquartier des englischen Fussballverbandes an Eric Allen vom Briefmarken-Händler "Stanley Gibbons" übergeben und daraufhin – begleitet vom privaten Sicherheitsdienst "Alsa-Guard" – in die Westminster's Central Hall in der Londoner Tothill Street transportiert.

[STANDALONETEXT text="8:00 Uhr, Samstag, 19. März 1966"

Die Trophäe ist eine der Hauptattraktionen in der "Stampex"-Ausstellung von "Stanley Gibbons". Zu den Öffnungszeiten der Ausstellung wird sie von vier in Uniform gekleideten Wachmännern beschützt – einer davon steht permanent neben dem Schaukasten.

[STANDALONETEXT text="12:10 Uhr, Sonntag, 20. März 1966"

Der Jules-Rimet-Pokal wird gestohlen! Die Wachmänner haben sie angeblich um 11:00 Uhr und danach um 12:10 Uhr kontrolliert. Demnach hatte(n) der Räuber (die Räuber) etwas mehr als eine Stunde Zeit, um die Trophäe zu entwenden und zu flüchten.

[QUOTE Person="Der Vorsitzende der Organisatoren der Ausstellung, Cecil Richardson, gegenüber einem Reporter von ITN" Phrase="Bei uns allen können menschliche Fehler passieren. Möglicherweise schlich sich hier ein kleiner menschlicher Fehler ein. Ich bin durchaus zufrieden, dass wir alles getan haben, was wir konnten, ohne einen bewaffneten Wachmann in der Halle zu haben."]

[STANDALONETEXT text="Montag, 21. März 1966"

Der Diebstahl wird in der Presse bekanntgegeben. Der englische Fussballverband spricht sich schnell von Schuld frei, andere Verbände aus verschiedenen Ecken der Welt drücken öffentlich ihre Verärgerung aus. Einige der amerikanischen Medien vermuten einen PR-Gag.

[STANDALONETEXT text="Mittwoch, 23. März 1966"

Eine Lösegeldforderung in Höhe von 15.000 Pfund geht im Haus des FA-Vorsitzenden Joe Mears ein. Zuvor gingen bereits einige Anrufe beim FC Chelsea, bei dem Mears ebenfalls als Vorsitzender fungierte, ein. Die Lösegeldforderung ist mit dem 21. März datiert und darin befindet sich die abnehmbare Schüssel von der Spitze der Trophäe.

[QUOTE Person="Ein Auszug aus der Lösegeldforderung" Phrase="Ohne Zweifel betrachten Sie den Verlust des WM-Pokals mit grosser Sorge. Für mich ist er nur jede Menge Gewicht in Abfallgold. Wenn Sie ihn wiedersehen wollen, schlage ich vor, dass Sie tun, was ich sage, und meinen Instruktionen folgen (…). Wenn ich bis spätestens Donnerstag oder Freitag nichts von Ihnen gehört habe, können Sie davon ausgehen, dass der Pokal im Müll verschwindet."]

Joe Mears ignoriert die Warnungen, die Polizei aussen vor zu lassen, und trifft im Hauptquartier des englischen Fussballverbandes Beamte von „Scotland Yard“. Die Polizei rät, das Lösegeld nicht zu zahlen. Stattdessen werden Bündel mit leerem Papier vorbereitet, bei denen lediglich das oberste und unterste Blatt tatsächliche Geldnoten sind.

[STANDALONETEXT text="Donnerstagabend, 24. März 1966"

Wie gefordert, veröffentlicht Joe Mears (links unten) in der Donnerstagsausgabe der Londoner "Evening News" eine Notiz: "Ich bin gewillt, Business zu betreiben. Joe".

[STANDALONETEXT text="15:55 Uhr, Freitag, 25. März 1966"

Die Frist für die Zahlung des Lösegeldes verstreicht. Mears klagt mittlerweile über Herzschmerzen und liegt im Bett. Polizeikommissar Buggy nimmt in Begleitung mit Undercover-Polizisten seinen Platz ein und trifft den Forderer des Lösegeldes, der sich als „Jackson“ ausgibt. Dieser betritt das Auto und drückt sofort seine Angst, verfolgt zu werden, aus. Genau das werden sie auch. Nach einer kurzen Fahrt wird „Jackson“, der später als Edward Bletchley identifiziert wird, für den Diebstahl des Pokals, der nicht aufgetaucht ist, verhaftet. Schauen Sie sich die Karte hier unten an, um sich einen Eindruck über die kurze Fahrt zu verschaffen (bitte beachten Sie dabei, dass nicht alle Informationen als akkurat bestätigt wurden).

Die Polizei trifft in der Nähe der Parkgate Road (A) auf “Jackson” und nimmt ihn am St Agnes Place (B) fest.

[STANDALONETEXT text="21:00 Uhr, Sonntag, 27. März 1966"

Die Trophäe wird – in Zeitungspapier eingewickelt – an einer Auffahrt bei 50 Beulah Hill in Upper Norwood von einem Hund names “Pickles” und dessen Besitzer David Corbett gefunden.

"Pickles" geniesst fortan ein neues Leben als Medienliebling. Er erscheint in TV-Shows und in Filmen und wird regelmässig von der britischen Presse fotografiert. Traurig: Er stirbt sechs Monate später.

[STANDALONETEXT text="4. April 1966"

"Jackson", oder auch Edward Bletchley, kommt vor Gericht und wird auf Kaution freigelassen. Später wird er als Teilnehmer an einer strafbaren Handlung für schuldig gesprochen, doch niemand wird jemals als eigentlicher Dieb gefasst.

[STANDALONETEXT text="Cirka 18:00 Uhr, Samstag, 30. Juli 1966"

Bobby Moore präsentiert den Jules-Rimet-Pokal, nachdem England die Bundesrepublik Deutschland im WM-Finale mit 4:2 nach Verlängerung bezwingt.