Die langen Wege zur WM-Endrunde

In den Anfängen des Flugverkehrs mussten die WM-Teilnehmer wahre Odysseen bestehen. Meist dauerte die Anreise länger als die Teilnahme am Turnier.

1930 wurden kommerzielle Flüge über den Atlantik per Luftschiff durchgeführt – und kosteten ein kleines Vermögen. Die Teilnehmer der ersten Weltmeisterschaft mussten per Bahn und Schiff nach Uruguay reisen. Nur vier europäische Teams waren darunter. Drei von ihnen reisten zusammen, um Kosten zu sparen.

Das jugoslawische Team reiste allein und bestieg in Marseille die SS Florida. Eigentlich hätte dort die ägyptische Mannschaft dazustossen sollen, die wegen schlechten Wetters die historische Reise allerdings verpasste.

Die Teams aus Belgien, Frankreich und Rumänien reisten gemeinsam auf der Conte Verde, einem in Schottland gebauten Linienschiff. Bei der Abreise in Genua am 20. Juni war erst die rumänische Nationalelf an Bord, ehe in den folgenden Tagen in Villefranche-sur-Mer und Barcelona die Franzosen und Belgier zustiegen.

Alle Teams hatten bereits lange Bahnreisen hinter sich (die Anreise der Jugoslawen hatte drei Tage gedauert). Zudem legte die Conte Verde in Lissabon, auf Madeira und den Kanarischen Inseln weitere Zwischenstopps ein, bevor sie aufs offene Meer steuerte. Ebenfalls an Bord waren drei WM-Schiedsrichter, FIFA-Präsident Jules Rimet und der WM-Pokal.

Nach rund einer Woche legte die Conte Verde in Rio de Janeiro an, wo die brasilianische Auswahl samt Funktionären zustieg. Am 4. Juli, nach 15 Tagen auf hoher See, erreichte sie Montevideo. In den folgenden Tagen trafen auch die Jugoslawen sowie die gemeinsam angereisten Teams aus den USA und Mexiko ein. Die Mexikaner mussten dafür einen ziemlichen Umweg in Kauf nehmen: per Schiff von Veracruz nach Havanna und dann noch weiter in den Norden nach New York, wo sie mit der Mannschaft aus den USA an Bord der SS Munargo gingen.

Trotz des fehlenden Trainings während der Schiffsreise hielten die Europäer gut mit. Sie waren bereits neun Tage vor Turnierbeginn in Montevideo eingetroffen, und drei der vier gewannen ihre Auftaktspiele (Frankreich, Rumänien und Jugoslawien). Jugoslawien erreichte gar das Halbfinale, während das Turnier für die drei anderen sowie für Mexiko nach spätestens acht Tagen zu Ende war. Für alle war es aber so oder so ein grosses Abenteuer.

Eine noch längere Reise legte 1938 die Mannschaft aus Niederländisch-Indien zurück, das sich als erstes Team aus Asien für eine WM-Endrunde qualifiziert hatte. Am 27. April ging die Mannschaft in Tanjung Priok an Bord der Baloeran, die mehrere Zwischenstopps u. a. in Singapur und in Belawan auf Sumatra (für ein Testspiel) einlegte, ehe sie durch den Suezkanal Marseille erreichte. Dann ging es weiter per Bahn nach Paris und von dort aus in die Niederlande nach Den Haag, wo die Mannschaft schliesslich am 18. Mai – nach 22 Reisetagen – eintraf.

Die Mannschaft bezog wegen der Sprache in den Niederlanden Quartier und reiste nur für ihr WM-Spiel gegen Ungarn nach Frankreich. Nach der 0:6-Niederlage trat der Grossteil der Mannschaft auf der Christiaan Huygens die Heimreise an. Sie lag in Genua vor Anker, wo die Conte Verde vier Jahre zuvor in See gestochen war. Die Rundreise dauerte insgesamt sechs Wochen.

Zwölf Jahre später reiste der amtierende Weltmeister ebenfalls per Schiff zur Endrunde, nachdem 1949 fast die gesamte Mannschaft des FC Turin – Il Grande Torino – beim Flugzeugabsturz von Superga ums Leben gekommen war, darunter auch mehrere Nationalspieler. Deshalb reisten die Italiener 1950 auf dem Seeweg nach Brasilien – und brauchte dabei fast so lange wie die europäischen Teams 1930.

Unter der Schiffsreise litt allerdings die Fitness der Spieler. Egisto Pandolfini gestand, drei Kilogramm zugenommen zu haben. "Wir hatten 50 Bälle dabei", fügte er hinzu, "die aber alle im Meer landeten!" "Alles Quatsch", meinte dazu sein Teamkollege Amedeo Amedei. Sie hätten nur schwere Medizinbälle für das Wurftraining dabei gehabt. Bei einem Testspiel bei einem Zwischenstopp in Las Palmas präsentierten sich die Italiener in so schlechter Form, dass Lucidio Sentimenti – ein Torhüter – noch bester Feldspieler war!

Nach über zwei Wochen auf der Sises kamen die Italiener in São Paulo an, wo sie gegen die vor Kraft strotzenden Schweden verloren. Zwar gewannen sie ihr zweites Spiel gegen Paraguay (Pandolfini schoss bei seinem internationalen Debüt ein Tor), waren zu diesem Zeitpunkt aber bereits draussen. Es war das einzige Mal, dass ein Weltmeister bereits nach einem einzigen Spiel ausgeschieden war.

Ironischerweise reiste der Grossteil der Mannschaft per Flugzeug nach Italien zurück. Der Topstürmer Benito Lorenzi allerdings bevorzugte den sicheren Seeweg. Er erreichte nach rund einem Monat Italien – gerade rechtzeitig für die Saisonvorbereitung.

Per Flugzeug, wie es zunehmend üblicher wurde, war es aber auch nicht immer schnell und bequem. So hätten die Südkoreaner ihr erstes Spiel bei der WM 1954 fast verpasst, nachdem sie sechs Tage vor WM-Beginn Richtung Schweiz abgereist waren.

Am 10. Juni begannen sie die lange Bahnreise von Seoul nach Busan. Dort reisten sie per Schiff weiter nach Japan. In Tokio stellte sich heraus, dass das Flugzeug nicht gross genug war, so dass zwölf Spieler und der Trainer via Kalkutta (wo es aufgrund eines Propellerschadens noch eine Verspätung gab) und Italien in die Schweiz flogen. Die anderen neun Teammitglieder sollten am 13. Juni von Bangkok aus nach Europa fliegen. Doch auch dieses Flugzeug war zu klein. Hätte offenbar nicht ein Paar aus England seine Sitzplätze abgetreten, wären zwei Spieler sitzen geblieben.

Insgesamt verbrachten die Südkoreaner rund 65 Stunden im Flugzeug. In der Nacht vor ihrem ersten Spiel trafen sie erschöpft in der Schweiz ein und wurden vom übermächtigen Turnierfavoriten Ungarn prompt mit 9:0 deklassiert, wobei die Ungarn sichtlich Gnade walten liessen. Drei Tage später verlor Südkorea sein zweites Spiel mit 0:7 und musste bereits wieder die Heimreise antreten!

Auch als sich die Flugzeiten verkürzten, bevorzugten manche andere Transportmittel. Für die Niederlande war es ein Glück, dass die WM 1998 praktisch vor der eigenen Haustür stattfand, da Dennis Bergkamp ein paar Jahre zuvor aufgrund seiner Flugangst beschlossen hatte, kein Flugzeug mehr zu besteigen. Er reiste auf dem Landweg nach Frankreich, wo er mit seinem grandiosen Tor im Viertelfinale gegen Argentinien den Niederlanden den Sieg sicherte. Als die WM 2002 in Fernost stattfand, war ausgeschlossen, dass Bergkamp die Reise der Südkoreaner von 1954 in umgekehrter Richtung wiederholte.

Nicht zu vergessen ist natürlich das neuseeländische Team von 1982, das unermüdlich durch ganz Asien tourte, um sich die Qualifikation für die WM-Endrunde zu sichern. Zwischen dem ersten Spiel im 2160 Kilometer entfernten Fidschi und dem Entscheidungsspiel in Singapur lagen über 60.000 Kilometer. Da wäre eine Schiffsreise zur Endrunde in Spanien wohl eine wahre Erholung gewesen!