Die überraschenden Ursprünge der UEFA Champions League

Atlético Madrid und Real Madrid bestritten das 61. Finale der UEFA Champions League, die lange Zeit Europapokal hiess. Zu Beginn war aber ein ganz anderer Name vorgesehen.

Nämlich?

La Coupe du Président Seeldrayers! Turniere nach Fussballfunktionären zu benennen, war nach dem Zweiten Weltkrieg en vogue. So wurde der WM-Pokal nach Jules Rimet umgetauft, und Henri Delaunay war Namensgeber für die Trophäe der 1958 eingeführten Europameisterschaft.

Beide sind bekannte Persönlichkeiten. Aber wer war Seeldrayers?

Rodolphe Seeldrayers war einer der Pioniere des europäischen Fussballs. Mit gerade einmal 18 Jahren war er 1895 Mitgründer des belgischen Fussballverbands. Der Sportjournalist war später starker Mann bei der FIFA und nach dem Rücktritt von Jules Rimet 1954 deren Präsident. Nach 18 Monaten im Amt starb er allerdings. Kurz zuvor hatte er das Namensangebot für den Europapokal abgelehnt.

Wieso denn das?

Briefe zeigen, dass ihm bei der Sache nicht wohl war. Vielsagend ist vor allem der letzte Satz in seiner Absage: "une coupe qui n'est pas d’importance mondiale" – ein Pokal ohne weltweite Bedeutung!

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Da hat er sich aber mächtig getäuscht!

In der Tat, etwa genauso wie Dick Rowe von Decca, der die Beatles nicht unter Vertrag nahm! Aber man kann Seeldrayers Worte auch anders verstehen. Vielleicht wollte er als FIFA-Präsident nicht Pate sein, weil es ein europäisches und kein globales Turnier war.

Wieso wollte die UEFA den Wettbewerb überhaupt nach einem FIFA-Präsidenten benennen?

Die UEFA hatte damit nichts zu tun. Das Angebot kam von einem Mann namens Ernest Bedrignans, der ein privates Organisationskomitee leitete, das im April 1955 bei einer von der Sportzeitung L'Équipe organisierten Sitzung in Paris gebildet worden war.

Was hatte denn L'Équipe mit der ganzen Sache zu tun?

Der Europapokal war ihre Idee. Im Dezember 1954 präsentierte der Journalist Gabriel Hanot einen Plan für einen europäischen Klubwettbewerb, nachdem die englische Presse Wolverhampton Wanderers nach dem 3:2-Sieg gegen das starke ungarische Team von Honvéd zum Weltmeister ausgerufen hatte. Nur drei Tage nach dem Spiel veröffentlichte Hanots Kollege Jacques de Ryswick in L'Équipe einen Artikel zu dieser Idee und lud die Klubs ein, darüber nachzudenken.

Kam dann die UEFA ins Spiel?

Nein, noch nicht, denn nur die FIFA konnte damals ein solches Turnier zulassen. Indem er Seeldrayers hofierte, hoffte Bedrignans auf ein wohlwollendes Urteil der FIFA. Aber Seeldrayers und Henri Delaunay waren nicht sonderlich beeindruckt. Im März 1955 hatte L'Équipe die Idee beim UEFA-Kongress in Wien vorgestellt und war auf offene Ohren gestossen – mit Ausnahme des französischen Fussballverbands, dessen Sekretär Delaunay war. Dieser war gegen alles, das sein Projekt für eine Europameisterschaft für Nationalteams gefährdete.

Wenn Seeldrayers und Delaunay dagegen waren, wie kam das Projekt dennoch durch?
Seeldrayers hatte grundsätzlich nichts gegen einen Europapokal. Am 9. Mai 1955 leitete er in London eine Sitzung des FIFA-Dringlichkeitskomitees, der auch Arthur Drewry, Karel Lotsy und Marcel Lafarge beiwohnten. Die FIFA empfahl, das Turnier zuzulassen, sofern bestimmte Bedingungen erfüllt sind.

Die da wären?

Dass die Klubs für die Teilnahme die Erlaubnis ihrer nationalen Verbände benötigen und vor allem dass die UEFA die Organisation des Wettbewerbs übernimmt.

Der Beginn einer ruhmreichen Ära für den europäischen Klubfussball...

Aus heutiger Sicht ja, aber der Start des Europapokals 1955 stand im Schatten des Siegs Real Madrids über Stade de Reims im Finale des Latin Cup, der den Landesmeistern aus Spanien, Portugal, Italien und Frankreich vorbehalten war. Und vor dem ersten Europapokalspiel begann noch ein weiteres paneuropäisches Turnier...

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Wirklich?

Ja, der Messestädte-Pokal, der auf drei der bekanntesten Figuren des Weltfussballs zurückgeht: den Italiener Ottorino Barassi, den Schweizer Ernst Thommen und den Engländer Stanley Rous.

Der Vorläufer des UEFA-Pokals und der heutigen Europa League war also eine Idee der FIFA?

Nicht ganz. Barassi, Thommen und Rous waren an einer internationalen Zusammenarbeit über die WM hinaus interessiert und hielten Spiele zwischen Städten deshalb für eine gute Idee. Aber damit lagen sie nicht auf dem offiziellen FIFA-Kurs. Rous war Kopf einer Bewegung, die die Rolle der FIFA durch die Gründung kontinentaler Konföderationen nach dem Vorbild Südamerikas ausbauen wollte. Die UEFA sieht Rous deshalb als ihren Gründervater. Er war der Überzeugung, dass für den Messestädte-Pokal nicht die FIFA, sondern die UEFA zuständig sein sollte.

Wie reagierte Rous auf Hanots Idee eines Europapokals?

Sehr positiv. Offenbar bat Hanot Rous, für seine Tochter einen Platz bei einer englischen Familie zu finden. Damals fand gerade das Spiel Wolves – Honvéd statt, und so sprachen die beiden auch darüber. Rous machte ihm klar, dass L'Équipe niemals eine Bewilligung für ein neues Turnier erhalten werde, und schlug ihm deshalb vor, eine Sitzung mit den besten Klubs einzuberufen und die UEFA als Turnierorganisatorin zu gewinnen. Der Rest ist Geschichte – mit der Partie zwischen Atlético und Real als vorläufig letztem Kapitel.