Ein Meisterwerk - gesucht und gefunden

Der Diebstahl von Kunstwerken hat im Lauf der Geschichte immer wieder für Aufsehen und Schlagzeilen gesorgt. Über die Jahrhunderte gingen auf diese Weise unzählige einzigartige Schätze verloren, von denen viele nie mehr auftauchen sollten. Umso mehr freut sich das FIFA Welt Fussball Museum, ein ganz besonderes Exponat präsentieren zu können, das über ein halbes Jahrhundert lang als verschwunden galt: den Sockel des ersten WM-Pokals von 1930.

In Hollywoodfilmen zeichnen sich Kunstdiebe meist durch Charme und Eleganz aus und stehlen im Grunde nur des Nervenkitzels wegen, so wie etwa Pierce Brosnan in "Die Thomas Crown Affäre". Doch die Realität ist weit weniger glamourös. Tatsächlich sind Kunstdiebe keineswegs Gentlemanräuber, sondern kulturelle Vandalen, die sich unersetzlicher Objekte bemächtigen und damit der Gesellschaft schweren Schaden zufügen.

Im April 2012 erschien im Internet eine Liste mit zehn der bedeutendsten verschollenen Kunstschätze aller Zeiten. Aufgeführt waren unter anderem die fehlenden acht (von insgesamt 52) Fabergé-Eier der russischen Zaren, das legendäre Bernsteinzimmer, das die Nazis aus Sankt Petersburg stahlen und um dessen Verbleib sich bis heute wilde Gerüchte ranken, sowie – an dritter Stelle – die für die FIFA angefertigte "Coupe Jules Rimet".

Die vergoldete, auf einem Sockel aus Lapislazuli stehende Statuette wurde von 1930 bis 1970 bei jeder Fussball-Weltmeisterschaft dem Kapitän des siegreichen Teams überreicht. Sie ist das berühmteste Werk von Abel Lafleur, einem französischen Bildhauer und guten Bekannten von Jules Rimet, der zu jener Zeit sowohl die FIFA als auch den französischen Fussballverband präsidierte. Im Auftrag von Rimet hatte Lafleur zuvor bereits Medaillen für mehrere Turniere in Frankreich kreiert, so dass es nahelag, ihn auch für die Gestaltung der neuen WM-Trophäe zu engagieren.

In der Folge sollte der kleine Pokal turbulente Zeiten erleben. Während des Zweiten Weltkriegs war er in Italien versteckt, wo ihn – trotz angeblicher Bemühungen – auch die Nazis nicht finden konnten. Erstmals abhanden kam er im Vorfeld der WM 1966 in England, wurde aber nur wenige Tage später, vergraben unter einem Busch, von einem Hund namens Pickles aufgestöbert. Nach dem dritten Titelgewinn der Brasilianer ging die Trophäe 1970 in ihren Besitz über, wurde 13 Jahre danach aus einer Vitrine am Sitz des nationalen Fussballverbands in Rio de Janeiro gestohlen und blieb seither verschwunden.

Selbst wenn die Diebe den Jules-Rimet-Pokal nicht einschmolzen (wovon die Polizei nach ihren Ermittlungen allerdings ausging), kann ein Objekt dieser Art natürlich niemals auf dem offenen Markt angeboten werden. Dass er je wieder zum Vorschein kommt, ist somit höchst unwahrscheinlich – sehr zum Bedauern der Fussballfans weltweit und insbesondere in Uruguay, Italien, Deutschland, Brasilien und England, den Titelträgern der WM-Ära bis 1970.

Dass im FIFA-Museum trotz alledem ein Teil der Originaltrophäe von Lafleur zu sehen sein wird, geht auf eine kuriose Begebenheit zurück, die erst vor Kurzem ans Licht kam und sich im Anschluss an die Weltmeisterschaft 1954 ereignete. Die Westdeutschen bezwangen im Finale Ungarn mit 3:2 und liessen nach ihrer Rückkehr, was erlaubt und kein Geheimnis war, im hessischen Hanau eine Kopie des Wanderpokals herstellen. Dieser sah bei der nächsten Endrunde vier Jahre danach in Schweden irgendwie anders aus, so dass manche munkelten, das Original sei verloren gegangen, beschädigt oder gar gestohlen worden und die Deutschen hätten ihn durch die Kopie aus Hanau ersetzt¨.

Als die FIFA 2013 beschloss, ein Fussballmuseum ins Leben zu rufen, war klar, dass es bis zur Eröffnung diese Anekdote und andere verbreitete Mythen rund um den Jules-Rimet-Pokal zu untersuchen galt. Jedes verfügbare Foto der Trophäe wurde unter die Lupe genommen, was schliesslich zu einer bemerkenswerten Entdeckung führte: Als ihr Kapitän Fritz Walter 1954 den Pokal in die Höhe stemmte, war die Freude bei den Westdeutschen natürlich gross – zu Hause angekommen, wurde ihnen jedoch bewusst, dass der Sockel nur vier Seiten hatte, jede mit einer Plakette mit dem Namen eines der bisherigen Weltmeister, und dass dem DFB-Team als fünftem Titelgewinner somit kein Platz mehr blieb, um sich selbst zu verewigen.

Dass die Trophäe 1958 grösser wirkte, war, wie wir heute wissen, weder eine optische Täuschung noch ein Beleg für die Hanau-Theorie, sondern lag daran, dass der Originalsockel von Lafleur durch einen anderen, höheren ersetzt worden war, ebenfalls aus Lapislazuli, aber mit acht statt nur vier Seiten. Vorne war der Name des Pokals angebracht, und die übrigen sieben Plaketten boten Platz für je zwei Gewinner, was bis und mit 1990 gereicht hätte.

Was aber war mit dem Lafleur-Sockel geschehen? Wurde er einfach weggeworfen? Das schien zwar unwahrscheinlich, doch da die FIFA in der Zwischenzeit dreimal umgezogen war, konnte nicht gänzlich ausgeschlossen werden, dass er dabei schlicht verloren gegangen war. Tatsächlich lagerte, wie sich zeigen sollte, Lafleurs Sockel über 60 Jahre lang unregistriert und unbeachtet in einem Regal im FIFA-Archiv; da niemand bemerkt hatte, dass er ausgetauscht worden war, hatte ihn auch niemand vermisst!

Neben vielen anderen Exponaten können die Besucher im FIFA World Football Museum auch diesen historischen Fund bestaunen – Teil eines der bedeutendsten verschollenen Kunstschätze der Welt und zugleich ein einzigartiges Stück Fussballgeschichte.