Eine WM, die den Frauenfussball veränderte

Die Japanische Frauennationalmannschaft feiert den Gewinn der Frauen-WM 2011 in Deutschland mit dem WM-Pokal. © Imago
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Vor zehn Jahren gewann bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Deutschland 2011™ mit Japan das erste asiatische Land einen Titel bei einer A-Weltmeisterschaft. Wir blicken zurück auf ein Turnier, das ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung des Frauenfussballs war.

Als die FIFA im Oktober 2007 Deutschland zum Ausrichter der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2011 wählte, schien der Beschluss nur logisch. Deutschland ist nicht nur bekannt für seine Pionierrolle im Frauenfussball, das Land hatte auch nur ein Jahr zuvor seine Gastgeberqualitäten bei Turnieren eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Der Sommer 2006 stand in Deutschland ganz im Zeichen der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft. Auch der Rest der Welt war begeistert von der Gastfreundschaft und Lebensfreude der Deutschen während des Turniers.

Genau einen Monat vor der Vergabe der Frauen-WM 2011 gewann die deutsche Frauenmannschaft bei der 2007 dann auch noch ihren zweiten Weltmeistertitel nach 2003. Vier Jahre später sollten sie die historisch einmalige Chance bekommen, im eigenen Land den dritten Weltmeistertitel in Folge zu gewinnen.

Ein Jahr vor dem Turnier wurden mit der erfolgreichen Ausrichtung der FIFA U-20-Frauen-Weltmeisterschaft letzte Zweifel ausgeräumt.

Akkreditierung der LOC-Präsidentin Steffi Jones. Jones, Weltmeisterin von 2003, ist 2011 die Organisationschefin der WM in Deutschland. | FIFA Museum Sammlung
Akkreditierung der LOC-Präsidentin Steffi Jones. Jones, Weltmeisterin von 2003, ist 2011 die Organisationschefin der WM in Deutschland. | FIFA Museum Sammlung

Grosse Aufmerksamkeit für die WM
Das lokale Organisationskomitee wurde angeführt von der ehemaligen deutschen Nationalspielerin Steffi Jones . Acht Jahre vor der WM war Jones noch selber mit dem deutschen Team Weltmeisterin geworden. Als LOC-Präsidentin zeigte sie sich mitverantwortlich dafür, dass die WM an insgesamt neun Spielorten ausgetragen wurde. Bei der Ansetzung der Spiele wurde darüber hinaus darauf geachtet, dass jedes der sechs Gruppenspiele in einer anderen Stadt gespielt wurde. In Verbindung mit erschwinglichen Ticketpreisen sollte so dem Turnier eine möglichst breite Aufmerksamkeit verschafft werden.

Der Plan gelang und die Spiele waren gut besucht. Das Publikum sorgte bei allen Partien für eine fantastische Atmosphäre, nicht nur bei jenen der deutschen Mannschaft. Beim Eröffnungsspiel in Berlin, das Deutschland2:1 gegen Kanada gewinnen konnte, wurde sogar mit 73'680 Zuschauern im ausverkauften Berliner Olympiastadion ein neuer Europarekord für Zuschauer beim Frauenfussball aufgestellt. Dieser wurde dann ein Jahr später beim Finale des Frauenfussballturniers der Olympischen Spiele im Londoner Wembleystadion zwischen den USA und Japan (2:1) mit über 80'000 Zuschauern überboten.

Die Favoriten überstehen die Gruppenphase
Das Olympische Finale 2012 war im Übrigen eine Wiederholung des WM-Finales von 2011. Aber dazu später mehr. Zuerst geht unser Blick auf die Gruppenphase. Als Gastgeber und amtierende Weltmeisterinnen startete Deutschland in Gruppe A mit drei Siegen, unter anderem gegen die späteren Halbfinalistinnen aus Frankreich, souverän aber nicht immer überzeugend ins Turnier.

Kapitänsbinde der Weltmeisterin Homare Sawa. Die Japanerin gewinnt bei der Frauen-WM 2011 den Goldenen Ball und den Goldenen Schuh. Zum vierten Mal in Folge erhält eine einzelne Spielerin beide Auszeichnungen. | FIFA Museum Sammlung
Kapitänsbinde der Weltmeisterin Homare Sawa. Die Japanerin gewinnt bei der Frauen-WM 2011 den Goldenen Ball und den Goldenen Schuh. Zum vierten Mal in Folge erhält eine einzelne Spielerin beide Auszeichnungen. | FIFA Museum Sammlung

Auch in Gruppe B setzten sich mit England, Vize-Europameister von 2009, und Japan die Favoriten durch, auch wenn sich Mexiko und Neuseeland achtbar schlugen. Bei ihrer dritten Teilnahme erzielten die Neuseeländerinnen mit dem Ausgleich in buchstäblich letzter Minute gegen Mexiko ihren ersten Punktgewinn bei einer WM. Beim Gruppenzweiten Japan legte Kapitänin Homare Sawa [KS(M1] bereits im zweiten Gruppenspiel mit einem Hattrick den Grundstein für den Gewinn der Torjägerkrone. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass sie im Turnier für Schlagzeilen sorgt.

In den Gruppen C und D setzten sich mit Schweden, den USA, Brasilien und Australien ebenfalls die Favoriten durch. Kolumbien und Äquatorialguinea, die beide ihr WM-Debüt feierten, landeten zwar auf den jeweils letzten Plätzen der Gruppen, konnten sich aber über den ersten WM-Punkt (Kolumbien) bzw. die ersten beiden WM-Tore (Äquatorialguinea) freuen.

Überraschung im Viertelfinale
Die Viertelfinalspiele waren eine knappe Angelegenheit. Schwedens 3:1-Sieg gegen Australien war das einzige Spiel, das nach regulären 90 Minuten entscheiden war. Frankreich setzte sich gegen England genauso wie die USA gegen Brasilien erst im Elfmeterschiessen durch. Das Spiel Brasilien – USA war dabei besonders spektakulär, weil die USA fast schon ausgeschieden waren, bevor Abby Wambach ihr Team mit einem Tor in der Nachspielzeit der Verlängerung ins Elfmeterschiessen rettete.

Die grosse Überraschung im Viertelfinale war allerdings das überraschende Ausscheiden der Gastgeberinnen aus Deutschland. Das einzige Tor des Spiels erzielt die Japanerin Karina Maruyama nach einem Traumpass von Homare Sawa in der 108. Minute. Es war die erste WM-Niederlage der Deutschen seit der WM 1999 und gleichzeitig das Ende des Traums vom Rekord des dritten Titels in Folge

Japan schockt die USA
Nachdem sie in ihren beiden Halbfinalen die letzten verbliebenen Teams aus Europa jeweils mit 3:1 besiegen konnten, kam es im Endspiel zum ober bereits erwähnten Duell zwischen den USA und Japan. Für die USA war es bereits die dritte Finalteilnahme, Japan erreichte zum ersten Mal das WM-Finale. Es sollte eine Sternstunde des Frauenfussballs werden.

In der packenden und von Anfang an hochspannenden Partie gingen die leicht favorisierten Amerikanerinnen in der ersten Halbzeit der regulären Spielzeit und der ersten Halbzeit der Verlängerung jeweils in Führung, die Japan allerdings immer kurz vor Schluss ausgleichen konnte. Mit ihrem Tor in der 117. Minute sicherte sich Homare Sawa sich den adidas Goldenen Schuh für die beste Torschützin des Turniers und ihrem Team die Chance auf den Titelgewinn im Elfmeterschiessen. Hier bewiesen die Asiatinnen dann tatsächlich die besseren Nerven und setzten sich 3:1 durch.

Herausragende Spielerin im starken Kollektiv der Japanerinnen war Kapitänin Hoare Sawa, die zusätzlich zum Golden Schuh auch noch den Goldenen Ball für die beste Spielerin des Turniers verliehen bekam. Sie hatte entscheidenden Anteil daran, dass Japan als erstes asiatisches Land den Titelgewinn bei einer FIFA A-Weltmeisterschaft (Männer und Frauen!) feiern konnte.

 

 

WM-Turnier beweist verdichtetes Leistungsniveau
Die Frauen-WM 2011 in Deutschland war nicht nur für die Japanerinnen ein Erfolg. Auch der Frauenfussball konnte durch das Turnier sein weiter gestiegenes Niveau eindrucksvoll unter Beweis stellen. Das lediglich fünf von insgesamt 32 Partien mit drei oder mehr Toren Unterschied endeten und dass drei von vier Viertelfinalen erst in der Verlängerung bzw. im Elfmeterschiessen entschieden wurden, beweist die gestiegene Leistungsdichte unter allen WM-Teilnehmern, aber auch im Favoritenkreis.

Der technische Bericht der FIFA zur WM hebt in seiner Analyse des Turniers besonders die deutliche Entwicklung im technischen und taktischen Bereich hervor. Besonders herausstechend sei die verbesserte Abwehrarbeit und der gepflegte Spielaufbau, gerade bei den grossen Teams. Auch das Umschalten von Abwehr auf Angriff erfolgte im Vergleich zu früheren Turnieren deutlich schneller. Grundsätzlich sei individuelle Klasse nicht mehr ausreichend für den ganz grossen Erfolg. Dieser beruhe stattdessen auf Teamwork und mannschaftlicher Geschlossenheit.

Panini-Album für die FIFA ­Frauen-Weltmeisterschaft 2011. Es war das erste Panini Album für eine Frauen-Weltmeisterschaft. | FIFA Museum Sammlung
Panini-Album für die FIFA ­Frauen-Weltmeisterschaft 2011. Es war das erste Panini Album für eine Frauen-Weltmeisterschaft. | FIFA Museum Sammlung

Frauenfussball etabliert sich weiter
Neben der sportlichen Entwicklung sorgte die Frauen-WM 2011 auch dafür, dass sich der Frauenfussball mehr und mehr in der Mitte der Gesellschaft etabliert. Neben den hohen Ticketverkäufen zeigt sich das bei der TV-Berichterstattung, die sowohl in Bezug auf Produktionsqualität und auf Zuschauerzahlen neue Massstäbe setzte.

Ein weiteres Beispiel für die zunehmende Popularität ist ein Stickeralbum . Zur Frauen-WM 2011 brachte Panini nämlich erstmals ein Sammelalbum für eine Frauenfussball-Weltmeisterschaft auf den Markt. Dieses war zwar nur im Gastgeberland Deutschland erhältlich, war aber extrem erfolgreich. Vom Erfolg überrascht, musste Panini die begehrten Sticker sogar nachdrucken. Bei der nächsten Frauen-Weltmeisterschaft vier Jahre später veröffentlichte Panini das Stickeralbum für die WM dann weltweit.

 

 

Alles Infos zur FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Deutschland 2011™ auf fifa.com.