Endspiel der Südamerikanischen Meisterschaft am Weihnachtstag

Buenos Aires 1925 © Hulton Archive/Getty Images

Die Ansichtskarte mit Schneelandschaften und Schneemännern mag auf der Nordhalbkugel ein Bild der Weihnachtsidylle prägen, aber für die Menschen in den Tropen und in der südlichen Hemisphäre war Weihnachten schon immer eine ganz andere Erfahrung.

In Südamerika bedeutet Weihnachten lange, milde Tage und kurze Nächte und ist eine Zeit, in der der Fussball traditionell Pause macht, während sich die gesamte Bevölkerung an die Küste und an den Strand begibt.

Um einen Eindruck vergangener Weihnachten in sonnigeren Gefilden zu bekommen, drehen wir die Uhren zurück ins Südamerika der 1920er Jahre, wo sich die Fans am Ende der Ligasaison auch auf die jährliche Austragung der südamerikanischen Meisterschaft freuen konnten. Im Jahr 1925 wurde Argentinien zum Gastgeber des Turniers bestimmt, und der Fussballverband beschloss, die Austragung bis zum Ende der Ligasaison zu verschieben. Das führte zu einer Kuriosität, die man seither nicht mehr gesehen hat: Das Endspiel eines grossen Nationalmannschaftsturniers fand am Weihnachtstag statt.

Die Pläne gerieten noch vor dem Anpfiff des Turniers durcheinander, als sich Olympiasieger Uruguay zurückzog. Auch Chile zog sich vor dem Start zurück und machte schlechte Leistungen bei früheren Turnieren verantwortlich, so dass nur drei Nationen übrig blieben - die Gastgeber Argentinien, Paraguay und Brasilien.

Aufgrund der fehlenden Teilnehmer wurde beschlossen, ein Doppelrundenturnier mit dem Spiel Argentinien - Brasilien als Endspiel am Weihnachtstag auszurichten. Es wurde vorhergesagt, dass dies das entscheidende Spiel sein würde, und so kam es schliesslich auch. Paraguay verlor zwar alle vier Spiele, aber in den eigenen Reihen stand Fleitas Solich, der als Trainer in den 1950er Jahren einen weitreichenden Einfluss auf den globalen Fussball haben sollte. Er führte eine revolutionäre neue taktische 4-2-4-Formation ein, die Brasilien dann kopierte und die zu ihrem Triumph bei der Weltmeisterschaft 1958 führte.

Artur Friedenreich (3. v. l.) beim ersten Spiel der brasilianische Nationalmannschaft 1914. © Grecian Archive/Exeter University

Brasilien kam nach Argentinien mit dem berühmten Artur Friedenreich, der noch immer die Spitze des Angriffs bildete, wie seit dem ersten Länderspielspiel Brasiliens 1914. Doch obwohl sie die Paraguayer locker besiegten, verlor Brasilien in der ersten der beiden Partien gegen Argentinien mit 1:4. Die Niederlage könnte auch etwas mit dem Nachtleben von Buenos Aires zu tun gehabt haben, denn seit der Ankunft in der argentinischen Hauptstadt wurde berichtet, dass die brasilianischen Spieler nachts aus ihrem Hotel verschwanden, um den berühmten Charme der Stadt von Gardel und des Tangos zu erleben. Der Sieg Argentiniens bedeutete, dass Brasilien die Begegnung am Weihnachtstag mit Argentinien gewinnen musste, um ein Entscheidungsspiel zu erzwingen. Argentinien hingegen brauchte nur ein Unentschieden, um sich den zweiten kontinentalen Titel zu sichern.

Bei strahlendem Sonnenschein im Sommer kamen 18’000 Weihnachtsgäste ins Estadio Sportivo Barracas, um dem Drama beizuwohnen. Als Argentinien 1916 erstmals Gastgeber der Südamerika-Meisterschaft wurde, war im Endspiel ein Aufruhr ausgebrochen. Schüsse wurden abgefeuert und die Tribüne auf dem Gelände von Gimnasia y Esgrima brannte bis auf die Grundmauern nieder. Obwohl nicht das gleiche Mass an Gewalt zu verzeichnen war, prägte auch dieses Spiel den Fussball in Südamerika für den Rest des Jahrzehnts.

Brasilien ging dank Toren von Friedenreich und Nilo in der ersten Halbzeit in Führung und es sah sogar nach einem 3:0 aus, als Friedenreich von Argentiniens Verteidiger Muttis gefoult wurde. Zwischen den beiden brach eine Auseinandersetzung aus, die dazu führte, dass die Fans das Spielfeld stürmten. Die argentinischen Fans umzingelten die brasilianischen Spieler. Eindeutig eingeschüchtert liess Brasilien Argentinien wieder ins Spiel, und Antonio Cerroti traf kurz vor der Halbzeitpause, bevor der beste Torschütze des Turniers, Manuel Seoane, den Ausgleichstreffer erzielte, der zum Titelgewinn führte.

Weihnachtsfreude schien jedoch auf beiden Seiten dünn gesät zu sein. Die argentinische Presse kritisierte Seoane als übergewichtig und sparte nicht mit Kritik an Torhüter Américo Tesorieri, der den Rekord von Calominos 38 Länderspieleinsätzen mit diesem Spiel zwar ausgeglichen, aber nie übertreffen sollte. Die Mannschaft wurde dafür kritisiert, zu körperlich zu spielen. So sah es auch Brasilien, das voller Wut war über den rüden Umgang mit ihnen, was sogar zu Protesten in Rio führte. Es wurde beschlossen, dass die brasilianische Mannschaft vorerst nicht mehr zu Spielen antreten würde. Fast fünf Jahre lang sollte sie nicht mehr aufs Spielfeld gehen. Das erste Spiel zu dem sie wieder antraten, war gegen Jugoslawien bei der Weltmeisterschaft 1930!