Mario Américo: Ein stiller Held der WM-Geschichte

Mario Américo kann man gut und gerne als WM-Rekordhalter bezeichnen, auch wenn er in keiner Chronik zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ erscheint. Dafür ist er auf allen Fotos der überragenden brasilianischen Nationalmannschaft zu finden, die in zwölf Jahren dreimal Weltmeister wurde.

Die WM-Geschichte ist voller Superstars, bekannter Schiedsrichter, genialer Trainer, unbezwingbarer Torhüter und famoser Regisseure. Aber auch Akteure hinter den Kulissen und abseits des Scheinwerferlichts waren Protagonisten der Geschichte des wichtigsten Fussballwettbewerbs der Welt.

Américo war als Masseur der brasilianischen Nationalmannschaft ein solcher stiller Held. Er begann seine Karriere 1950, als die Seleção noch in Weiss spielte und im Kampf um den WM-Titel eine epochale Niederlage erlitt. Die Gründe für diese Schmach, die als Maracanaço in die Geschichte einging, waren für ihn selbstverschuldet.

"Wir waren lange abgeschieden, vier Monate vor dem Finale in Rio de Janeiro waren wir ins Trainingslager in Araxá eingerückt und hatten dennoch nicht unsere Ruhe, weil Journalisten, Politiker und Fans ein- und ausgingen", sagte Américo. "Am Vorabend des Finales kamen zudem viele Familienangehörige, und mehrere Spieler hatten vor allem die Liste der Geschäfte und Unternehmen im Kopf, die ihnen eine Prämie für den Sieg zahlen würden – es blieb beim Würden."

An seinen Massagequalitäten konnte es nicht gelegen haben, denn er war auch bei der WM 1954 in der Schweiz dabei, wo er sah, wie sich die Ungarn – die grossen Favoriten – auf jede Partie vorbereiteten: mit Aufwärmübungen in der Kabine. Américo rannte mit dieser Nachricht sofort zu Trainer Zezé Moreira, der den Brasilianern daraufhin subito Dehnungsübungen verordnete.

Längst galt Américo als einer der besten Physiotherapeuten Brasiliens, als er 1958 zur WM nach Schweden reiste, und er hatte diese ganz besondere Aura, denn er war Teil des Teams. Trainer Vicente Feola, der Brasilien zum ersten WM-Titel führen sollte, taufte ihn wegen seiner Ledertasche kurzerhand "pombo-correio" (Brieftaube). Mit dieser Tasche, die im Museum ausgestellt ist, eilte er jeweils auf das Spielfeld, um verletzte Spieler zu behandeln - oder in anderer Mission.

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Feola gab einem Spieler von der Bank aus jeweils ein Zeichen, damit dieser eine Verletzung vortäuschte. Dann schickte er Mario auf das Feld, der aus seinem Koffer geflissentlich einen Verband und Äther hervorkramte, während er in Tat und Wahrheit taktische Anweisungen weiterleitete – wie uns José Altafini, der 1958 mit Brasilien Weltmeister wurde, bei seinem Besuch im Museum verriet.

Américos eigentliche Bewährungsprobe folgte im Finale 1958, als ihm Feola seine wohl schwierigste Mission übertrug: Ziel war der Ball, mit dem Brasilien seinen ersten Titel feierte. Nach dem Abpfiff schnappte sich Américo deshalb kurzerhand den Ball vom französischen Schiedsrichter Maurice Guigué und rannte damit Richtung Kabine.

Die Sicherheitskräfte nahmen sogleich die Verfolgung auf, aber Américo war zu schnell. So schaffte er es in die Kabine, wo er das Original gegen einen Ersatzball austauschte, mit dem er auf das Spielfeld zurückkehrte und sich für seinen Scherz entschuldigte – mit dabei wie immer sein Koffer.

Américo hatte auch massgeblichen Anteil an den Titelgewinnen der Seleção 1962 und 1970, die er bei seinem Rücktritt nach der WM 1974 in Deutschland als beste brasilianische Mannschaft aller Zeiten bezeichnete. Danach ging Américo in die Politik und wurde 1976 in den Stadtrat von São Paulo gewählt. In einem Physiotherapiezentrum im Norden der Stadt behandelte er zudem Athleten und normale Patienten.

Dies ist die lange Karriere eines Mannes, der bei sieben Auflagen der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ dabei war und mit seiner Tasche wie der Blitz unterwegs war, um Spieler zu behandeln und andere Aufträge zu erledigen. Americo starb am 9. April 1990 im Alter von 77 Jahren.