Sieger der Herzen

Ungarn und die Niederlande haben mit ihrem innovativen und eleganten Spiel Fussballgeschichte geschrieben und waren mehrmals nahe dran, eine WM zu gewinnen. Wir zeigen, was ihr Spiel so besonders macht.

Wie ist es möglich, dass neben den ganz Grossen wie Deutschland, Brasilien oder Italien auch kleine Länder wie Ungarn und die Niederlande – einschliesslich des österreichischen Wunderteams – den Fussball immer wieder revolutionieren und auf eine neue Stufe hieven?

Die Magyaren prägten 1954 eine ganze Generation. Ihnen folgten die Niederländer, die eine eigene Schule und Spielart schufen, die heute selbst der FC Barcelona und die spanische Nationalmannschaft zelebrieren. Hartnäckig hält sich deshalb die romantische Vorstellung, dass der Fussball diesen beiden Teams etwas schuldet.

Dabei begann alles mit einer Niederlage. Nach dem 2:5 Ungarns gegen die Tschechoslowakei 1949 war allen klar, dass sich etwas ändern musste, wie Ferenc Puskás in seiner Autobiografie schrieb. Nach dem Zweiten Weltkrieg schieden sich in Ungarn aber die Geister, wie die Nationalmannschaft spielen sollte. Während einige den englischen "Kick and Rush"-Fussball propagierten, plädierten andere für einen attraktiveren Stil nach kontinentalem Muster, bei dem sich kreative Spieler entfalten und ihr ganzes Können zeigen konnten.

Wiederum andere sahen in Italien ein Vorbild und waren folglich überzeugt, dass der Erfolg in erster Linie über die physische Vorbereitung führte. Trainer Sebes entschied sich schliesslich für einen Prototypen des 4-2-4 und setzte mehrheitlich auf Spieler von Honvéd und Vörös Lobogó (heute MTK Budapest), die getreu seinem sozialistischen Weltbild ein starkes Kollektiv bilden sollten. Für Puskás war es das revolutionärste Spielmodell seit dem WM-System von Arsenal 1926. Markenzeichen war die grösstmögliche Variation.

Die Offensive begann bereits in der Defensive, wie es der Journalist Alfredo Relaño in seinem Blog bei El País beschreibt: "Statt eines Angriffs mit zwei Flügel- und einem Mittelstürmer, der von zwei zentralen Mittelfeldspielern unterstützt wird, liess sich die Sturmspitze Hidegkuti weit zurückfallen, um gemeinsam mit dem Mittelfeldspieler Bozsik das Spiel aufzuziehen. Die Aussen (Budai und Czibor) kamen ebenfalls mit zurück, um den Druck im Mittelfeld zu erhöhen, ohne dabei jedoch ihre Hauptaufgabe zu vernachlässigen. Vorne blieben nur die Halbstürmer Kocsis und Puskás. Sie alle waren brillante Techniker, allen voran Puskás mit seinem linken Fuss und Kocsis mit seinen Kopfbällen."

Mit dem ungarischen Volksaufstand und dem sowjetischen Einmarsch 1956 endete allerdings die goldene Ära. Dank den Niederländern lebt die ungarische Spielkultur aber bis heute weiter. Autoren wie David Winner und Jonathan Wilson sind in "Oranje brillant: Das neurotische Genie des holländischen Fußballs" und "Revolutionen auf dem Rasen: Eine Geschichte der Fußballtaktik" den Ursprüngen und Gründen des niederländischen Fussballwunders auf den Grund gegangen.

Die beiden beziehen sich dabei auf Albert Camus und seine Beschreibung Amsterdams als langweilige und glanzlose Stadt in "Der Fall". Der niederländische Fussball sei ein Spiegelbild der Hauptstadt gewesen, als die Nationalmannschaft von Juni 1949 bis April 1955 nur sechs von 31 Länderspielen gewonnen habe. Wie kam es also, dass die Niederländer 15 Jahren später mit einem Spielstil auftrumpften, der bis heute zu den populärsten der Welt gehört?

Grund ist womöglich der soziale Wandel in den Nachkriegsjahren. Gemäss dem englischen Anarchisten Charles Radcliffe galt Amsterdam in den 60er-Jahren als Hochburg der Hippiebewegung – mit dem Dam-Platz im Zentrum der Stadt als wohl bekanntestem Symbol. Dieses Klima des sozialen, kulturellen und intellektuellen Aufbruchs weckte den Experimentiergeist. Zudem trafen mit Johan Cruyff und Rinus Michels zwei Genies aufeinander. Das Ergebnis war der "totale Fussball".

Der geniale niederländische Trainer war Kopf des Systems, mit dem die Niederlande die Welt begeisterten. Ebenso wichtig war aber Johan Cruyff, der sich als erster Fussballer als Künstler verstand und den Sport zu einer populären Kunstform erhob, wie es der Journalist Hubert Smeets ausdrückt. Herzstück der niederländischen Spielkultur ist der Raum, wie er auch das flache, weite Land prägt. Im Angriff zogen die Niederländer das Spiel in die Breite und agierten konsequent über die Flügel.

Wenn sie den Ball verloren, setzten sie den Gegner schon in der eigenen Hälfte unter Druck und nahmen ihm so den Raum für den Spielaufbau. Ruud Kroll beschrieb das Spiel im Buch von David Winner so: "Der Raum war das zentrale Thema. In der Verteidigung mussten die Räume zwischen uns klein sein, im Angriff zogen wir das Spiel mit den Flügeln in die Breite."

Physisch war das über 90 Minuten kaum zu schaffen, doch auch dafür fanden sie eine Lösung: "Wenn ich als linker Aussenverteidiger 70 Meter an der Seitenlinie entlang nach vorne renne, muss ich bis zu meiner Ausgangsposition auch wieder 70 Meter zurück. Wenn aber der linke Mittelfeldspieler meinen Platz einnimmt und der linke Flügel auf seine Position rückt, werden die Distanzen kürzer. Es spielt dann keine Rolle mehr, auf welcher Position du spielst."