Warum spielen die Briten am "Boxing Day" Fussball?

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Traditionell ist der 26. Dezember in Großbritannien ein Tag im Zeichen des Fussballs. Unser britischer Experte für Fussballgeschichte Guy Oliver erklärt die Hintergründe.

Zunächst einmal eine Klarstellung: Der "Boxing Day", also der 26. Dezember, ist in Grossbritannien traditionell ein Tag des Sports. Doch mit der Sportart Boxen hat die Bezeichnung nichts zu tun. Der Name stammt aus den Zeiten, als in grossen Herrenhäusern viele Diener angestellt waren, die zwar am ersten Weihnachtstag meist arbeiten mussten, dafür aber den zweiten Weihnachtstag frei bekamen. Traditionell wurde ihnen eine Weihnachts-"Box" mit Leckereien und Geschenken überreicht, die sie mit nach Hause nehmen und gemeinsam mit ihren Familien geniessen konnten.

Dieser "Boxing Day", also der zweite Weihnachtstag oder auch Stephanstag, wie er in weiten Teilen der Welt heisst, ist eine Jahrhunderte alte Tradition. Im 19. Jahrhundert entwickelte er sich in Grossbritannien indes immer stärker zu einem Tag für Ausflüge und Unternehmungen. In dieser Ära unzähliger wissenschaftlicher Entdeckungen und grosser Ausstellungen gab es immer etwas Neues zu sehen. Die Zeitung Bell’s Life vom 30. Dezember 1849 brachte eine faszinierende Zusammenfassung dieser viktorianischen Marotte:

"Die Besucherzahl im British Museum betrug 19.986, eine Steigerung von 7.111 Menschen gegenüber dem "Boxing Day" im vergangenen Jahr. Das Royal Colosseum und das Cyclorama, die Ohio-Panoramen und das Nil-Panorama, Madame Tussauds, die Nationalgalerie und in der Tat jedes Viertel, in dem Sehenswürdigkeiten zu entdecken waren… überall zeugten die Besucherzahlen von der enormen Entschlossenheit der Menschen, die für diese Jahreszeit typische Neugier zu befriedigen."

Wohlhabende Herren beim Fussballspiel
Bis zu den 1870er Jahren hatte sich auch der Sport seinen festen Platz im Festtagsprogramm erobert. Fussball spielten indes anfänglich meist die wohlhabenden Herren, wohl um die üppigen Weihnachtsmahlzeiten abzuarbeiten, die das Personal am Vortag zubereitet und serviert hatte. Doch als die Popularität des Fussballs zunahm und immer grössere Zuschauermengen zu den Spielen kamen, wurde die Aussicht auf Rekordeinnahmen am "Boxing Day" allmählich unwiderstehlich. Und so wurden bereits 1888 im Spielkalender der neu gegründeten Football League viele Partien am "Boxing Day" angesetzt und sind seitdem nicht mehr wegzudenken.

Uns scheint es heute kaum vorstellbar, doch viele Jahre lang spielten die Clubs bereits am Weihnachtstag und dann gleich wieder am "Boxing Day". Denn der Fussball bot in den Zeiten, bevor sich eine Familie vor dem Fernseher zu einem Weihnachtsfilm versammeln konnte, eine willkommene Abwechslung. Es wurde darauf geachtet, dass an den Weihnachtstagen nach Möglichkeit Lokalrivalen gegeneinander spielten, damit keine längeren Anreisen nötig waren. Durch Spiele an beiden Tagen war zumindest ein Heimspiel sichergestellt. In Städten mit zwei Clubs war es üblich, dass die Fans beide Teams sahen, das eine am Weihnachtstag und das andere am "Boxing Day". Und wenn es nur ein Team gab, so bestritt es mindestens eines der beiden Spiele zu Hause, so dass niemand leer ausging.

Ein erster Schritt zu einer gerechteren Behandlung der Spieler
Für die Spieler war all dies eine grosse Belastung, und so gab es in der Saison 1957/58 letztmals Spiele am Weihnachtstag. Es sollte noch drei Jahre dauern, bis der Höchstlohn im englischen Fussball abgeschafft wurde, und sogar noch fünf Jahre, bis die einseitigen Transferbestimmungen verboten wurden. Noch hatten die Spieler kaum Einfluss auf die Clubs. Dies war somit der erste Schritt hin zu einer gerechteren Behandlung der Spieler. Die Spiele am "Boxing Day" allerdings blieben erhalten, und bis heute ist der Spielkalender in Grossbritannien in der Zeit vor und nach dem Jahreswechsel prall gefüllt. Auch am Neujahrstag wurden Spiele angesetzt und zudem greifen am ersten Wochenende des neuen Jahres die Topteams in der dritten Runde des FA Cup erstmals ins Geschehen ein. Michel Platini dachte 1982 über einen Wechsel nach England nach, nannte jedoch die vielen Spielansetzungen an Weihnachten und Ostern als einen der wichtigsten Gründe, warum er sich stattdessen für Juventus Turin entschied. Und natürlich auch das Wetter!

Die italienische Liga testet Spiele am "Boxing Day"
Es gab somit schon immer einen starken Kontrast zwischen Grossbritannien und Kontinentaleuropa, wo beispielsweise die Bundesliga, die Serie A und die spanische Liga rund um Weihnachten den Spielbetrieb komplett unterbrechen. Im Dezember 2018 gab es in Italien das Experiment, einen kompletten Spieltag am zweiten Weihnachtstag durchzuführen. Das führte zu einem Anstieg der Zuschauer in den Stadien und führte auch zu guten Quoten im Fernsehen. Dennoch wurde das Experiment im Jahr darauf nicht fortgesetzt: den Spielern gefiel es nicht. So ändern sich die Zeiten!